Der Secondhand-Marktplatz Vinted steht seit Tagen im Zentrum einer Welle von Spekulationen. Auf TikTok, Instagram, Reddit und X kursieren Screenshots angeblicher Vinted-Anzeigen – meist Stofftiere oder Spielzeug –, die mit Angaben zu Alter, Größe, Geschlecht oder Herkunft sowie ungewöhnlich hohen, teils vierstelligen Preisen versehen sind. In den Beschreibungen tauchen Begriffe wie „klein“ und „gesund“ auf. Nutzer sehen darin Hinweise auf verschlüsselte Anzeigen für Kinderhandel.
Polizei Dortmund prüft, Behörden bundesweit uneins
Wie der WDR berichtet, hat die Polizei Dortmund Ermittlungen aufgenommen und geht dem Verdacht des Menschenhandels nach – zunächst werde geprüft, ob überhaupt eine Straftat vorliegt. Auch Polizei Berlin, Polizei Konstanz und das Hessische LKA befassen sich mit entsprechenden Hinweisen. Anders die Einschätzung in Hessen: Die Polizei Frankfurt hat laut FAZ kein Ermittlungsverfahren eingeleitet und geht von gefälschten oder aus dem Kontext gerissenen Anzeigen aus. Auch das BKA erklärte laut tagesschau.de, das Phänomen sei „grundsätzlich bekannt“ – frühere Hinweise auf Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen hätten sich nie bestätigt.
Auch Frankreich schaltet sich ein
Parallel berichtet FashionUnited, dass die französischen Behörden eine vorläufige Untersuchung eingeleitet haben. Die Anzeigen wurden an Pharos gemeldet, die nationale Meldestelle für illegale Online-Inhalte. Ein Ergebnis steht noch aus.
Vinted weist Vorwürfe zurück
Vinted erklärte, man habe die Angebote gründlich geprüft und keine glaubwürdigen Hinweise auf Kinderhandel gefunden. Die Altersangaben in den betroffenen Anzeigen bezögen sich – wie eine Altersempfehlung auf einer Spielzeugverpackung – auf die Zielgruppe des Produkts, nicht auf ein Kind; das Feld werde plattformweit in allen Kategorien verwendet. Hohe Preise könnten zudem Sammlerwert oder Verhandlungstaktik widerspiegeln. Wo Anzeigen bewusst manipuliert würden, um die Debatte weiter anzuheizen, lösche man sie und sperre die betroffenen Konten. Man stehe in engem Austausch mit den zuständigen Behörden.
„Wir sind uns der kursierenden Gerüchte über diese Angebote bewusst und möchten die Fakten darlegen. Nach einer gründlichen Untersuchung haben wir keine Beweise für einen Zusammenhang mit kriminellen Aktivitäten gefunden. Die Gerüchte beruhen auf einem Missverständnis der Funktionsweise unserer Plattform. Das in diesen Angeboten angegebene Alter bezieht sich auf die Altersgruppe, für die das Spielzeug bestimmt ist – ähnlich wie die Altersangabe auf der Verpackung eines Spielzeugs – und nicht auf ein Kind. Dieses Feld wird in allen unseren Kategorien verwendet, nicht nur bei Kleidung. Wenn Sie ein Angebot sehen, das Sie wirklich beunruhigt, melden Sie es bitte, damit unser Sicherheitsteam es überprüfen kann. Vielen Dank, dass Sie uns helfen, Vinted sicher zu halten.“ – Statement Vinted laut FashionUnited
Einordnung: Parallelen zur Wayfair-Verschwörung 2020
Beobachter ziehen Vergleiche zur Wayfair-Kontroverse von 2020, bei der ähnliche Vorwürfe rund um hochpreisige Möbelangebote kursierten und sich später als unbegründet erwiesen. Josef Holnburger vom CeMAS sieht laut tagesschau.de deutliche Parallelen und warnt vor einer „Empörungsspirale“, die Ermittlungskapazitäten bindet – emotionalisierte Themen würden sich schnell verbreiten, algorithmische Verstärkung tue ihr Übriges. Auch die Authentizität der kursierenden Screenshots ist bislang nicht zweifelsfrei belegt.
„Da man bei Vinted auch selbst Produkte hochladen und einen Preis eintragen kann, kommen hier nun auch Menschen hinzu, die sich aus den Gerüchten einen Spaß machen und durch absichtlich doppeldeutige oder überteuerte Angebote diese befeuern.“ – Josef Holnburger, Geschäftsführer und Political Data Scientist des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS)
Einordnung für den Handel
Für Vinted selbst fällt die Debatte in eine Phase starken Wachstums: Erst kürzlich wurden Sekundäraktien im Wert von 880 Millionen Euro verkauft, die Plattform wird mit acht Milliarden Euro bewertet, dazu kommt die Expansion nach Australien. Wie sich die Vorwürfe auf das Vertrauen in den Marktplatz auswirken, dürfte sich erst in den kommenden Wochen zeigen, wenn die behördlichen Untersuchungen in Deutschland und Frankreich Ergebnisse liefern.
Artikelbild: http://www.depositphotos.com
Sandra May
Sandra beleuchtet Streitfälle im E-Commerce: von rechtlichen Fallstricken über Urheberrecht bis hin zu Influencer:innen und Wettbewerbsklagen.
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