„Zu wenig Investitionen, zu viel Bürokratie, zu hohe Standortkosten – die deutsche Wirtschaft steckt fest. Sie verliert in Europa und international den Anschluss.“ – Mit diesen Worten beschreibt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), die Ergebnisse einer aktuellen Befragung unter Unternehmen, in der die Konjunktur in Deutschland im Zentrum stand.
DIHK-Chef spricht von „struktureller Krise“ in Deutschland
„Wir haben es nicht nur mit einer konjunkturellen, sondern einer hartnäckigen strukturellen Krise am Standort Deutschland zu tun“, so der Verbandsfunktionär weiter. Insgesamt rund 25.000 Firmen aus allen Branchen und Regionen in Deutschland hatten sich an der herbstlichen Konjunkturumfrage beteiligt.
Ihre Antworten lassen es demnach nicht zu, für das kommende Jahr ein optimistisches Bild zu zeichnen. „Im Gegenteil, an manchen Stellen lassen die Rückmeldungen der Unternehmen befürchten, dass es noch schlechter kommen könnte.“
Mit Blick auf die Umfrageergebnisse hat der DIHK die Prognose für das laufende Jahr auf eine „rote Null“ herabgesetzt – und diese Erwartung gehe eher vom günstigsten Fall aus. Darüber hinaus wird auch für 2025 ein Null-Wachstum prognostiziert. Aufhorchen lässt diese Vorhersage insbesondere deshalb, da es für Deutschland das dritte aufeinanderfolgende Jahr wäre, in dem das Bruttoinlandsprodukt keinen realen Zuwachs verzeichnen würde.
Weniger Unternehmen bewerten Lage als „gut“
Zwar gebe es Hoffnung, dass sich die wirtschaftspolitische Situation und die konjunkturellen Rahmenbedingungen bessern – etwa auch durch sinkende Energiepreise oder wachsende Einkommen –, doch auch diese Hoffnung sei laut dem Wirtschaftsexperten nicht in der Lage, die Erwartungen grundsätzlich aufzuhellen.
Im Einzelnen schätzt nur ein Anteil von 26 Prozent der befragten Firmen die momentane Geschäftslage „gut“ ein. Im Frühsommer lag der Wert mit 28 Prozent zumindest noch geringfügig höher. Fast ebenso viele Unternehmen (25 Prozent) bewerten die eigene Situation allerdings als „schlecht“, das sind zwei Prozent mehr als noch zuvor.
Weniger Investitionen in Deutschland und Personalabbau
Für die kommenden Monate zeichnet ein Drittel aller befragten Unternehmen einen Rückgang: 31 Prozent erwarten schlechtere Geschäfte, zuvor hatte der Wert noch bei 26 Prozent gelegen. Waren zuvor noch 16 Prozent der Firmen von einer verbesserten Lage aufgegangen, sind es im Rahmen der Herbst-Umfrage nur noch 13 Prozent. Die kürzliche Zinssenkung der EZB sei womöglich ein „erster Hoffnungsschimmer“, doch in den Zahlen sei dieser noch nicht wahrnehmbar.
Spürbar werde die Lage auch an anderen Faktoren: So wolle etwa jedes dritte Unternehmen Investitionen am Heimatstandort mindern, jedes vierte plant überdies einen Abbau beim Personal. Als Hauptrisiken wurden aktuell – abseits der geopolitischen Probleme – insbesondere die Standortbedingungen in Deutschland aufgezählt: Unsichere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen wurden von 57 Prozent genannt, Arbeitskosten von 54 Prozent und der Mangel an Fachkräften von 51 Prozent. Außerdem haben die Preise im Energie- und Rohstoffsegment nicht an Brisanz verloren; auf sie verwiesen 49 Prozent als Risiko für die Geschäfte.
Ruf nach tiefgreifenden Reformen
Zuletzt sei eine solch schwere Krise Anfang der 2000er Jahre verzeichnet worden: konkret in den Jahren 2002 und 2003. Wansleben sieht dies als „deutliches Alarmsignal“. Damals hatte die Regierung mit der Agenda 2010 ein Konzept entwickelt, um das deutsche Sozialsystem und den Arbeitsmarkt zu reformieren. „Tiefgreifende Reformen brauchen wir jetzt auch“, kommentiert Wansleben weiter. „Die Zahlen sind dramatisch. Es ist an der Zeit, umzusteuern. Die negative Entwicklung muss gestoppt werden. Dazu brauchen wir schnelle und zielgerichtete Maßnahmen, mit denen vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden.“ Die guten Ansätze der Bundesregierung müssten nun dementsprechend um umfassende Reformpakete erweitert werden, so die Forderung.
Artikelbild: http://www.depositphotos.com
Tina Plewinski
Tina fokussiert sich auf Amazon, Marketingstrategien und digitale Plattformen – inklusive der Schattenseiten wie Online-Kriminalität.
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