Wir sprachen mit Hosting-Experte René Zipperer (internex) über versteckte Kosten von SaaS-Plattformen, warum viele Shop-Projekte in Limitierungen feststecken und was es braucht, um technische Kontrolle zurückzugewinnen.
„Standard reicht – bis er es nicht mehr tut“
René Zipperer (internex): Viele Shops starten auf SaaS-Basis, weil es schnell geht. Aber bei rund 70 % der E-Commerce-Projekte oder Webshop-Projekte zeigt sich nach ein bis zwei Jahren das gleiche Problem: Standardprozesse funktionieren, aber alles, was darüber hinausgeht – Integrationen, Logiken, Schnittstellen – wird zur Baustelle.
Genau da beginnt der Punkt, wo SaaS wirtschaftlich unattraktiv wird. Es gibt keine klare Schwelle, ab der sich die eigene unabhängige Lösung plötzlich lohnt. Aber es gibt ein Kippmoment, an dem man merkt: Der Shop gehört dir formal, aber operativ nicht. Du bist Gast im eigenen System.
Was ich oft sehe: Sobald eine tiefere ERP-Verknüpfung oder ein Bonussystem umgesetzt werden soll, hängt alles am App-Markt des Anbieters. Wenn es keine Lösung gibt oder nur eine für 79 Euro monatlich, wird es absurd – besonders, wenn man eine raffiniertere Lösung benötigt, die besser zum eigenen Geschäftsmodell passt. Und selbst programmieren ist oft keine Option, weil die API es schlicht nicht hergibt. Oder du brauchst eine API-Erweiterung und bekommst ein „not supported“. Die Plattformlogik funktioniert nach Mehrheiten, nicht nach individuellen Bedürfnissen. Skalierbarkeit für den Anbieter heißt Einschränkung für den Shop-Betreiber.
Viele Händler zahlen langfristig deutlich mehr, als notwendig wäre, glauben aber, es sei günstiger, weil sie Hostingkosten mit null Aufwand gleichsetzen. Dabei wird bei jedem Verkauf kassiert. Mit jeder App nochmal. Mit diesen Konditionen kannst du irgendwann nicht mehr wachsen.
„Der Lebenszyklus gehört dir“
Wir betreuen umsatzstarke Shops, die von SaaS auf eigene Shopsysteme gewechselt sind – und ihre monatlichen Betriebskosten halbiert haben. Und das bei besserer Performance und individuellen Erweiterungen. Der Unterschied? Fixe Infrastrukturkosten, volle Kontrolle, keine Umsatzbeteiligung.
Ein oft übersehener Punkt: Wenn eine Plattform Funktionen streicht, hast du als Händler keine Handhabe. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Subskriptionsfunktion wurde aus dem Core entfernt und durch eine andere ersetzt – plötzlich mussten wir ein externes Modul bauen, weil die neue Version nicht mehr zum Geschäftsmodell gepasst hat. Das kostet Zeit, Geld und Vertrauen.
Das ist die große Abhängigkeit: Wenn der Anbieter entscheidet, dass etwas „nicht mehr strategisch“ ist, bist du als Shop-Betreiber der Leidtragende. Mit der eigenen Shop-Lösung steuerst du selbst, welche Module du einsetzt, welche Version du fährst und wann du updatest. Der Lebenszyklus gehört dir – nicht einem Produktmanager in Übersee.
Wenn ein Shop, etwa mit PIM-, ERP- oder CRM-Anbindung, komplexer wird, ist SaaS fast immer eine Krücke. Workarounds mögen kurzfristig helfen, aber sie sind langfristig kaum tragbar. Was fehlt, ist das Verständnis für Infrastruktur als strategische Entscheidung.
„Wer seine Infrastruktur steuert, steuert auch seine Kosten“
Hosting ist heute mehr als nur Servermiete. Es ist ein zentrales Element der digitalen Architektur – wie Payment oder CRM. Wer eigene Infrastruktur nutzt, hat auch die Kontrolle über Datenschutz, Sicherheit und Integrationen. Gerade bei langfristiger Planung ist das entscheidend. Wir haben das auch in einem sehr ausführlichen Whitepaper gegenübergestellt.
Vor allem reifere Projekte scheitern nicht am Geschäftsmodell, sondern an der Plattform. Zu Beginn fragt man: „Wie komme ich online?“ Später geht es um Effizienz, Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit. Und da stoßen viele SaaS-Lösungen an ihre Grenzen.
Es braucht nicht gleich Kubernetes, aber Entscheidungsfreiheit. Wer seine Infrastruktur steuern kann, steuert auch seine Kosten und seine Perspektive. Ich würde mir wünschen, dass Shop-Betreiber früher über Hosting sprechen – nicht erst, wenn es brennt. Denn vieles, was im SaaS-Kontext einfach wirkt, wird später teuer, langsam oder unflexibel.
Und E-Commerce-Berater sollten kommunizieren, wo Plattformen an ihre Grenzen stoßen. Nicht aus Kritik, sondern als Aufklärung. Hosting ist kein Nebenschauplatz. Es ist das Fundament. Und das sollte dem Händler gehören – nicht einer Plattform.
„Technik, die keiner sieht – bis sie fehlt“
Was mich auch oft stört: die Sicht auf Hosting als bloßes IT-Detail. Dabei geht es um elementare Dinge – von der Ladegeschwindigkeit über Ausfallsicherheit bis hin zur Updatepolitik. Wer das ignoriert, zahlt später doppelt.
Oft an Stellen, die man gar nicht auf dem Radar hat. Zum Beispiel, wenn wegen API-Beschränkungen keine vollautomatische Lagerstandsanbindung möglich ist. Oder wenn man für eine einfache CSV-Schnittstelle einen Drittanbieter bemühen muss.
Oder ganz banal: Du willst ein PDF automatisch generieren – aber es gibt keinen Zugang zur Serverumgebung. Solche Limitierungen kosten Zeit, Nerven – und vor allem Geld.
Dabei kann es so einfach sein: Ein Shop-Server, der auf die Anforderungen abgestimmt ist, spart Supportaufwand, beschleunigt die Weiterentwicklung und bringt Planbarkeit. Viele unterschätzen, wie viel technische Stabilität man durch die richtige Hosting-Entscheidung gewinnt.
Auch intern zeigt sich das: Entwickler arbeiten schneller und sauberer, wenn sie nicht ständig gegen Plattformgrenzen ankämpfen müssen. Das Ergebnis? Bessere Qualität, schnellere Time-to-Market – und zufriedenere Kunden.
Am Ende ist es eine Frage der digitalen Souveränität. Wer seinen Shop ernsthaft betreibt, ganz gleich ob B2C oder B2B, sollte auch seine Infrastruktur ernst nehmen. Alles andere ist Optimierung an der Oberfläche.
Oder anders gesagt: Wer seine Marge behalten will, sollte nicht darauf hoffen, dass Plattformen das eigene Geschäftsmodell dauerhaft mittragen. Wer langfristig wachsen will, braucht die Kontrolle über die eigene Architektur – nicht nur den Shop, sondern auch die Plattform darunter.
René Zipperer, internex
Berät seit über 10 Jahren anspruchsvolle Online-Shop Betreiber und E-Commerce-Plattformen im B2B- und B2C-Bereich, die Spitzenleistung und Verlässlichkeit verlangen.
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