Das spricht für eine Regulierung
Coaches dürfen Menschen und Unternehmen also ohne Ausbildung beraten. Das allein könnte doch schon als Argument für eine Regulierung reichen, oder? Doch schauen wir uns einmal vier Argumente, die für eine Regulierung sprechen, etwas genauer an.
Pro-Argument 1: Qualitätssicherung
Stellen wir uns vor, die Bezeichnung Coach sei geschützt: Das würde dazu führen, dass Personen, die von den Angeboten Gebrauch machen, sicher sein können, dass es sich bei dem Coach um jemanden mit Ausbildung handelt. Es gäbe einfach ein gewisses Mindestmaß an Qualität, das man erwarten kann. Auch für Coaches wäre das ein Vorteil. Sie müssten nicht mehr mit jedem selbsternannten Coach konkurrieren, sondern würden stattdessen in den Wettbewerb mit anderen zugelassenen Coaches gehen.
Aber: Wie weit sollte eine Zulassung zur Sicherung der Qualität gehen? Sollten Coaches analog wie in der Heilpraktiker-„Ausbildung“ einfach nur mittels Multiple-Choice-Test und mündlicher Prüfung belegen, dass sie niemandem ernsthaft schaden? Sollte ein Jürgen Höller, der wegen falscher eidesstattlicher Versicherung, Untreue, vorsätzlichen Bankrotts und versuchter Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, als Coach Finanztipps geben dürfen? Wie sieht es mit Lebensläufen aus? Soll hier im Rahmen der Zulassung geprüft werden, wie oft ein Herr Beck wirklich die Schule gewechselt hat? Oder sollen vor allem relevante Informationen überprüft werden? So behauptete „Profilerin Suzanne“, sie habe den Studiengang „Certified Profiler“ für die Frankfurt School of Finance and Management entwickelt. Hat sie aber nicht. Sie hat lediglich ein Teilmodul entwickelt und wurde für diese Behauptung auch erfolgreich abgemahnt. Danach änderte sie ihre Vita und will den Studiengang stattdessen für die Steinbeis University Berlin entwickelt haben. Auch das ist eine Lüge (Quelle: PersoBlogger). Und auch hier stellt sich die Frage: Sollte so jemand sich überhaupt bei einer Regulierung Coach nennen dürfen?
Pro-Argument 2: Verbraucherschutz
Eine Regulation könnte auch zum Verbraucherschutz beitragen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es schon jetzt viele verbraucherschützende Normen gibt, die natürlich auch auf Coaches anwendbar sind. Diese Normen kennt aber vielleicht nicht jeder Coach. Hier könnte ein verpflichtender Kurs helfen. Will ich mein Angebot an Verbraucher:innen richten, muss ich mich halt in Sachen Widerrufsrecht, Informationspflichten und Co. auskennen.
Pro-Argument 3: Professionalisierung der Branche
Wer als Coach zugelassen ist, würde sich von anderen Beratungsformen abgrenzen. Das wiederum würde die ganze Branche professionalisieren. Statt mit schwarzen Schafen unter einen Hut gesteckt zu werden, könnte ein wohldurchdachtes Zulassungssystem, was eben mehr als ein Test zum Ankreuzen ist, die Anerkennung und Wertschätzung für das Berufsfeld massiv steigern. Statt „Ach, noch so einer von denen?“ könnte es heißen: „Du bist Coach? Ja, krass, das Zertifikat hat nicht jeder.“
Pro-Argument 4: Ethik und Verantwortung
Wer Menschen in schwierigen Lebenssituationen berät, sei es, weil diese plötzlich ihren Job verloren haben oder den Verlust einer nahestehenden Person betrauern, muss verantwortungsvoll sein – und zwar so, dass auch mal gesagt wird: „Entschuldigen Sie, aber das übersteigt meine Kompetenzen. Ich kann Ihnen aber gern bei der Suche nach einem Psychotherapeuten oder einer -therapeutin helfen.“ Sicher: Einen gewissen Kompass für Ethik und Verantwortung haben die meisten Menschen. Aber ob der auch immer richtig geeicht ist? Eine Ausbildung kann auch hier helfen.
Ein Fallbeispiel für unseriöse Coaches
An dieser Stelle soll kurz über einen Fall berichtet werden, den uns ein Leser anonym schilderte: Ein Consultant verkaufte ihm ein sogenanntes Coaching-Programm im B2C-Bereich für 3.600 Euro am Telefon. Dem Leser war das zu teuer. Er stand aufgrund eines auslaufenden Arbeitsvertrages kurz vor der Arbeitslosigkeit. Man versicherte ihm am Telefon, dass eine flexible Ratenzahlung möglich sei. Durch geschickte Gesprächsführung schloss der Leser am Ende einen Vertrag ab – und war sich zum einen nicht sicher, wie es so weit gekommen ist. Erst hinterher erfuhr er, was eigentlich dahintersteckte.
Hinter dem „Coaching“-Programm verbargen sich lediglich Videoaufzeichnungen. Die flexible Ratenzahlung bestand zwar tatsächlich aus drei Raten; flexibel daran war nichts. Als der Leser tatsächlich seinen Job verlor, wollte das „Coaching“-Unternehmen nichts mehr davon wissen, dass das Finanzielle kein Problem sein sollte. Ein Entgegenkommen gab es nicht.
Zum Glück konnte sich der Leser vom Vertrag lösen: Der Verkäufer klickte nämlich am Telefon die Bestellung im Online-Shop durch und gab die Daten des Lesers ein. Das betraf auch die Zahldaten. Diese hatte der Leser in dem Glauben, der Anbieter bräuchte diese, um die Dokumente für die Ratenzahlung aufzusetzen, über das Telefon ein. Dass der Verkäufer die Bestellung abschloss, darüber klärte er nicht auf und verletzte damit essenzielle Informationspflichten.
Klar, diese Masche scheint hier bei dem Unternehmen zur Verkaufstaktik zu gehören. Und ja: Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche. Man darf aber nicht vergessen, dass seriöse Coaches mit solchen Unternehmen in direkter Konkurrenz stehen. Unternehmen, die den Ruf der ganzen Szene gefährden.
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Und wie man am Beispiel Euro FH sehen kann, schützt nicht einmal die Zulassung als Hochschule.
Und was ist mit den ganzen Esoterik-Angebo ten? Werden die alle verboten, weil nichts davon wissenschaftlic h nachweisbar ist?
Und was für eine Behörde muss das sein, die alle Coaches lizenzieren soll? Wie viele Tausend Mitarbeiter braucht es? Und wie viele Zertifizierungsgänge?
Am Ende nennen sich die Coaches dann Mentor, oder Berater oder sonst was und wir fangen wieder von vorn an.
Man muss nicht alles regulieren, auch wenn es andernfalls Betrüger und Scharlatane gibt. Man kann die Menschen nicht vor der eigenen Dummheit schützen.
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