Stellenabbau, Rekordbeschäftigung – und trotzdem Personalnot?
Viele Arbeitnehmer:innen suchen neben gutem Gehalt verstärkt auch nach attraktiven Bedingungen, etwa einer kürzeren Arbeitszeit. Diese könnte den Fachkräftemangel sogar verschärfen – jedenfalls dann, wenn das nicht mit Produktivitätsfortschritten einhergeht.
Produktivität ist dabei das wesentliche Stichwort. Denn dass Arbeitskräfte trotz Rekordbeschäftigung knapp sind, geht mit der Frage einher, wie produktiv Arbeit überhaupt ist. Und diese Produktivitätsentwicklung wird von drei Aspekten beeinflusst, so Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Erstens halten Unternehmen Fachkräfte beispielsweise auch in unsicheren Zeiten, denn eine Neueinstellung erst dann, wenn es der Firma besser geht, ist in der Regel aufwendiger. Zweitens werden neue Technologien eingeführt, wodurch der Bedarf an qualifiziertem Personal zunächst steigt – man arbeitet noch nicht produktiv, kann aber hoffentlich künftig mithalten. Und drittens: Branchen wie Pflege, Erziehung oder Gesundheit haben insgesamt eher eine geringe Produktivität, wegen steigender Nachfrage nach Betreuungsangeboten (alternde Gesellschaft) aber einen wachsenden Personalbedarf. Defizite in der Infrastruktur sowie fehlende Qualifikationen der potenziell Erwerbstätigen beeinflussen die Produktivität zusätzlich negativ.
Diese Verhältnisse spitzen sich künftig zu: „Aktuell sehen wir erst den Beginn der Problematik fehlender Arbeitskräfte und niedriger Produktivitätsentwicklung, da die Erwerbsbevölkerung bisher noch deutlich gewachsen ist. Erst im weiteren Verlauf der 2020er-Jahre wird die Erwerbsbevölkerung wohl trotz positiven Wanderungssaldos tatsächlich demografiebedingt zurückgehen“, führt der IAB-Direktor dazu auch in einem Gastkommentar im Handelsblatt aus.
Die Frage nach der Produktivität erklärt übrigens auch, warum es – wie in jüngster Vergangenheit – trotz Fachkräftebedarf auch gleichzeitig massive Stellenkürzungen bei großen Konzernen gibt. Es handelt sich um kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen wie neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung, die das Unternehmenswachstum beeinflussen. „Entlassungen haben über das vergangene Jahr zwar zugenommen, im langjährigen Vergleich liegt die Quote aber immer noch so niedrig wie nie zuvor“, ordnet Enzo Weber vom IAB in der Tagesschau den Personalabbau ein. Jutta Rump, Direktorin beim Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen, fasst zusammen: „Veränderung ist der Normalzustand. Darauf müssen wir Antworten finden.“
Fachkräftesicherung – das will die Politik tun
Die Bundesregierung hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, die Sicherung des Fachkräftebedarfs mit politischen Maßnahmen anzugehen. „Anders als etwa in den 1980er Jahren geht es heute weniger darum, die Nachfrage nach Arbeitskräften zu erhöhen im Sinne einer Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. Vielmehr ist angesichts der zunehmenden Fachkräfteengpässe eine Stabilisierung des vorhandenen Arbeitsangebots, die Hebung von Potenzialen durch eine Stärkung von Arbeitsanreizen sowie eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität erforderlich“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht.
Konkret bedeutet das, laut Habeck: Man wolle jene Menschen in Arbeit bringen, die derzeit in sozialen Sicherungssystemen seien – dafür habe man sich beispielsweise bereits in der Debatte zur Asylpolitik starkgemacht. Derzeit sind außerdem beispielsweise 2,6 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 30 ohne Berufsqualifizierung, die man in Arbeit bringen müsse, so der Bundeswirtschaftsminister. Dafür wolle man sich umfangreich den Themen Aus- und Weiterbildung widmen.
Nehmen wir anderen Ländern die Fachkräfte weg?
Unterm Strich: Arbeits- und Fachkräfte werden noch nicht überall so eingesetzt, wie sie könnten, damit der Bedarf an Personal gedeckt ist und Unternehmen entsprechend produktiv sein können. Umbrüche und Veränderungen am Markt gehören zwar zur Normalität, doch wie viele Industriestaaten haben wir eine alternde Gesellschaft und sind daher auf zusätzliche Fachkräfte angewiesen.
Auch aus diesem Grund wurde etwa das Fachkräftezuwanderungsgesetz beschlossen. Zuwanderung müsse jetzt gelebt werden, so Habeck. Signale zur Abschiebung zu senden, sei laut dem Grünen-Politiker stattdessen „ökonomischer Wahnsinn“. Doch wenn ausländische Fachkräfte nach Deutschland kommen, fehlen sie dann anderswo? „Es kommt darauf an“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Brücker vom IAB gegenüber t-online. In einigen Ländern herrscht Arbeits- bzw. Fachkräfteüberschuss und langfristig könnten sich durch den hohen Bedarf anderswo vor Ort bessere Ausbildungsstrukturen entwickeln. Doch gerade mit Blick auf den Gesundheitssektor gebe es überall einen Mangel – an dieser Stelle sei es wichtiger, den Blick auf die Arbeitsbedingungen im eigenen Land zu richten.
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