Rund 800 Zalando-Händler organisieren Retouren selbst
Nicht alle Retouren bei Zalando sind aber auch tatsächlich in dieser Rückverkaufsstatistik einkalkuliert. Neben dem eigenen Wholesale-Geschäft, bei dem man selbst Artikel ein- und weiterverkaufe, vertreiben auch 1.600 Partnerfirmen ihre Waren auf dem Marktplatz, sie erwirtschaften rund ein Drittel des Bruttowarenvolumens.
Davon lasse nun lediglich die Hälfte ihre Retouren über den hauseigenen Service Zalando Logistics Solutions abwickeln, alle anderen organisieren den Verbleib der zurückgeschickten Waren selbst und verkaufen sie teils über andere Kanäle weiter. Die Retouren dieser Handelspartner sind bei den 97 Prozent, die Zalando wieder weiterverkauft, aber nicht eingeschlossen: „Diese Zahl bezieht alle Rücksendungen ein, die in unseren Retourenzentren bearbeitet werden“, stellte das Unternehmen anlässlich der Rechercheergebnisse klar. Mit diesem Vorgehen ist Zalando in der Branche nicht allein. Auch bei der Otto Group gilt die angegebene Prozentzahl für jene retournierte Waren, „die in Eigen- und Lizenzmarken von uns angeboten oder als Händler von uns vertrieben werden“.
Händler-Retouren sind nur teilweise in CO₂-Kompensation einkalkuliert
Der Nachhaltigkeitsaspekt lässt sich deshalb aber nicht ausblenden. Auch wenn das Ziel, eine derart hohe Menge an Retouren wieder zu verkaufen, ein positives sei, dürfe „dabei nicht übersehen werden, dass dies nicht hilft, um die negativen Nachhaltigkeitseffekte durch den mehrfachen Versand und die Rücksendung der Retouren zu vermeiden“, merkt der Handelsberater Rinnebach an. „Die CO₂-Bilanz aus logistischer Sicht bleibt für diese Retouren nach wie vor negativ.“
Zalando testet u. a. mit den KEP-Dienstleistern und Transportfirmen bereits Möglichkeiten der CO₂-Reduktion, etwa bei Zustellungen. Da dies aber nicht überall möglich ist, werden Emissionen auch durch Zahlungen kompensiert. Das Unternehmen verpflichtete sich 2019, in diesem Bereich klimaneutral zu sein. Das Recherche-Team fand auch hier jedoch Unstimmigkeiten. Auch an dieser Stelle fehlen die Retouren der 800 Marktplatzpartner. „Werden die Retouren innerhalb der Logistikprozesse von Marktplatz-Partnern bearbeitet, werden sie nicht bei der CO₂-Kompensation berücksichtigt“, räumte das Unternehmen anschließend ein.
Zalando dementiert Täuschung der Kundschaft
Eine Täuschung der Kundschaft wolle sich Zalando unterm Strich aber nicht vorwerfen lassen. Man erfülle „die Obhutspflicht gemäß des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) vollumfänglich“, heißt es in der Stellungnahme. Grundsätzlich stellte das Unternehmen klar, dass man bereits schlicht aus wirtschaftlicher Sicht daran interessiert sei, retournierte Waren wieder anzubieten: „Uns ist wichtig, dass jeder Artikel eine Chance auf eine Wiederverwendung findet, denn: Die Vernichtung von Waren und Retouren entbehrt nicht nur jeder kaufmännischen Logik, sondern widerspricht insbesondere auch unserem Verständnis von nachhaltigem Wirtschaften.“
Zusammenarbeit mit Großhändlern nicht transparent
Stellen müsse man sich allerdings der Tatsache, dass sich einige Informationen zum Verbleib von Retouren derzeit nicht auf den Webseiten des Unternehmens finden. So blieb dort beispielsweise unerwähnt, dass retournierte Waren beim Großhandel landen, was das Investigativ-Team ebenfalls nachwies. Michael Braungart, der wissenschaftliche Leiter des Hamburger Umweltinstituts, erläuterte im Zuge der Zeit-Recherche, dass solche über den Großhandel veräußerte Waren „oft Tausende Kilometer nach Afrika oder Asien“ reisen würden. Dort fehle es dann an Entsorgungsstrukturen, die Kleidung lande oftmals in der Umwelt – und verschärft das Müllproblem. Die Zahl der aus der EU exportierten gebrauchten Textilien sei laut einem aktuellen Bericht der Umweltagentur EEA alarmierend hoch, sie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht. Dabei soll es sich größtenteils um ausgemusterte und gespendete Kleidung handeln, wie beim ZDF zu lesen ist.
Zalando stellte in diesem Zusammenhang klar, dass man ausschließlich mit ausgewählten Partnern zusammenarbeite, deren Hauptsitz sich jeweils innerhalb der EU befinde „und diese somit auch an geltendes Recht gebunden sind“. Ob man auf solche Aspekte künftig hinweist, werde nun abgewogen: „Wir werden die Anregung intern diskutieren und prüfen, ob und inwiefern es sich bei der Zusammenarbeit mit Großhändlern um eine Information handelt, die zukünftig in diesem Detailgrad auch für unsere Corporate Website interessant ist.“
Sorgloses Online-Shopping?
Zalando mache „seinen Kunden große Versprechen und suggeriert, dass sorgloses Shoppen in Zeiten des Klimawandels möglich sei“, lautet ein deutliches Statement der Journalistinnen und Journalisten, die damit auch gehörig Salz in eine Wunde der gesamten Branche streuen. Eine Abschaffung der aktuellen Retourenpraxis dürfte im E-Commerce jedoch schwerlich denkbar sein. „Für Onlinehändler gehören Retouren zum Geschäftsmodell. Ebenso wie im stationären Handel haben die Kund*innen auch im Onlinehandel gerade bei Textilien die Möglichkeit, die erworbenen Kleidungsstücke anzuprobieren und bei Nichtgefallen zurückzugeben“, betont etwa auch die Otto Group im Zusammenhang mit unserer Anfrage. Doch es gebe eben auch „langjährige Erfahrung mit Retouren, die wir hocheffizient und ressourcenschonend bearbeiten“.
Eine Lösung, um die kostspieligen Retouren tatsächlich zu reduzieren und so zu echter Nachhaltigkeit beizutragen, ist deren Vermeidung. Dr. Peter Rinnebach von Accenture hebt dabei vor allem das Potenzial von optimierter Kaufberatung hervor: „Um dem Retouren-Problem des Modehandels wirklich beizukommen, muss bei den Kunden angesetzt werden. Das schließt zum Beispiel die bessere Information bei der Produktauswahl, z.B. in Bezug auf Größen, ein. Digital-Avatar-Fitting ist ein Stichwort in diesem Kontext.“ Auch Zalando ist bewusst, dass eine optimale Größenberatung den größten Einfluss auf eine Senkung der Retourenquote hat: Rund ein Drittel der Kleidung wird deshalb zurückgesendet, weil sie nicht passt. Neben umfangreichem Text-, Bild- und Videomaterial lässt das Unternehmen deshalb auch individuelles Kundenfeedback einfließen und gibt im persönlichen Account Größenempfehlungen zu bestimmten Artikeln, zudem wird an einer virtuellen Umkleide via App gearbeitet.
Auch die Online-Kundschaft muss ihren Teil beitragen
Für Verbraucherinnen und Verbraucher sollten laut Rinnebach aber auch die Anreize für eine Rückgabe verändert werden. „Die Entwicklung hin zu bezahlten Retouren zielt in diese Richtung“, meint er. Davon nimmt Zalando jedoch, ähnlich wie beispielsweise auch Otto nach einer umfassenden Marktanalyse zu den Kundenwünschen, Abstand.
Dem Handelsexperten zufolge bleibe unabhängig davon aber auch zu hoffen, „dass auch Nachhaltigkeitsüberlegungen bei Kunden dazu beitragen, das Retourenverhalten anzupassen.“ Was bei all dem nicht vergessen werden darf: Die Modeindustrie erzeugt etwa acht bis zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und ist für 20 Prozent der Industrieabwässer-Verschmutzung weltweit verantwortlich. Dass eine große Transparenz und ehrliche Kommunikation rund um eine tatsächlich nachhaltige Abwicklung von Rücksendung für ein nachhaltiges Konsumverhalten eine wesentliche notwendige Voraussetzung darstellen, dürfte unstrittig sein.
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...und daran hat Zalando mit seiner Einführungskamp agne "Schrei vor Glück oder schick's zurück!" einen erhwblichen Anteil.
Kein Wunder, dass das Unternehmen fast zehn Jahre lang keinen Cent Gewinn machen konnte, sondern erst jetzt mit zunehmender Marktmacht, die Verluste der Anfangsjahre kompensieren kann.
Und bereits bei geringster Störung des Wachstums - wie kürzlich in der Folge von Corona - scheint das fragile Geschäftsmodell insgesamt so stark auf Kante genäht zu sein, dass direkt Massenentlassun gen folgen müssen, um den Laden am Laufen zu halten.
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