Zwischen 90 Prozent Einbußen und gewachsenen Strukturen
Auch Unternehmen, die im Omni-Channel durchaus erprobt sind, sind sehr unterschiedlich durch den anfänglichen Lockdown gekommen. „Abgesehen von den vorübergehenden Filialschließungen aufgrund der Lockdowns hat sich für uns während der Pandemie wenig verändert“, sagt zum Beispiel Conrad-CEO Ralf Bühler. Der Elektronikhändler ist aber auch kein Neuling im Online-Geschäft. Seit 1997 bietet das Unternehmen seine Waren auch digital an, für viele Kunden war der Weg aus der Filiale in den Online-Shop vergleichsweise kurz.
Bei einem stationären Klassiker wie Ikea sah das anders aus. „Der Lockdown und die damit verbundene Schließung aller Ikea Einrichtungshäuser im März 2020 führte zu einem vorübergehenden Umsatzeinbruch von 90 Prozent“, so eine Unternehmenssprecherin. Gerade in einer stationären Domäne wie dem Möbelhandel verwundert das nicht. Für Ikea war dies aber ein enormer Treiber für das Online-Geschäft. Die online erzielten Umsätze seien parallel zu den Filialschließungen sprunghaft angestiegen.
Dass man das Geschäftsjahr 2020 trotz der Pandemie erfolgreich abschließen konnte, sei der Tatsache geschuldet, „dass wir in der Lage waren, unser Geschäft in Rekordgeschwindigkeit auf die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen: Der Ausbau von Click & Collect und des Online Planungs- und Beratungsservices haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir weiterhin für unsere Kund:innen da sein konnten.“ Die Einrichtungshäuser wurden kurzerhand zu Fulfillment-Centern umfunktioniert, Online-Bestellungen wurden aus den Märkten heraus verarbeitet. So blieben diese auch in der Pandemie zentraler Bestandteil des Geschäfts.
Der Sportartikel-Anbieter Decathlon nutzte den Lockdown kurzerhand zum Ausbau seiner ohnehin vorhandenen Omnichannel-Strukturen. Corona habe das Unternehmen in seiner strategischen Ausrichtung vom „Connected Retail“ bestärkt und noch einmal den Stellenwert verschiedener Vertriebskanäle unterstrichen. „Durch die Einschränkungen im öffentlichen Leben haben wir auf neue Initiativen gebaut: Zum Beispiel haben wir – zusätzlich zum bestehenden Click & Collect – einen Drive-in Service in ausgewählten Dcathlon Filialen eingerichtet. Dadurch konnte online bestellt, bezahlt und das Paket an der jeweiligen Filiale abgeholt werden, ohne aussteigen zu müssen“, erklärt das Unternehmen – Krise macht kreativ.
Vor ganz eigene Probleme wurden die Brillenspezialisten von Fielmann gestellt. Zu Beginn der Pandemie habe man vor einem Dilemma gestanden, wie Stefan Wolk, Director E-Commerce bei Fielmann, verdeutlicht: „Brillen und Hörsysteme sind nicht nur Teil der Daseinsvorsorge, sondern auch systemkritisch.“ Als systemrelevanter Versorger durfte Fielmann seine Filialen offen halten, schloss sie im März 2020 kurzzeitig aber trotzdem, weil man sowohl Kunden als auch Mitarbeiter schützen wollte. Man habe dann in Zusammenarbeit mit dem renommierten Hygienewissenschaftler Prof. Dr. Martin Exner Hygienestandards entwickelt und prüft diese fortwährend. „Erst nach Einführung der Hygienestandards haben wir unsere Niederlassungen wieder geöffnet“, so Wolk.
Für Fielmann war der Lockdown vielleicht nicht der Startschuss – eine Omnichannel-Strategie verfolgte man auch schon vorher – aber ganz sicher ein Beschleuniger hin zu einer digitaleren Aufstellung des Angebots. Wolk erklärt: „Um Kundenströme besser lenken zu können und die Frequenz in unseren Niederlassungen intelligent zu steuern, haben wir die Zeit der Pandemie genutzt, um unsere Digitalisierung voranzutreiben und unser Omnichannel-Geschäftsmodell international auszurollen.“ Fielmann hat zusätzliche Online-Bestellmöglichkeiten bei Kontaktlinsen und Sonnenbrillen geschaffen und die Online-Terminvereinbarung eingeführt – die dem Unternehmen zufolge 2020 über sechs Millionen Mal genutzt wurde. Über die Omnichannel-Plattform versorge man heute 27 Millionen Kunden.
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