Der digitale Euro kommt – langsam, aber mit politischem Rückenwind. Die Europäische Zentralbank arbeitet daran, erstmals digitales Zentralbankgeld für Verbraucher:innen und Unternehmen einzuführen. Noch ist vieles offen: technische Ausgestaltung, Kosten, Datenschutzregeln und die konkrete Nutzung im Alltag. Klar ist aber schon jetzt: Der digitale Euro würde den Zahlungsverkehr in Europa verändern – und betrifft damit auch Online-Shops und Zahlungsdienste unmittelbar.

Gerade für kleine und mittelständische Händler:innen stellt sich die Frage, ob der digitale Euro Prozesse vereinfacht, Kosten senkt oder einfach nur mehr Komplexität bringt. Und bedeutet das staatliche Zahlungsmittel langfristig betrachtet nicht auch Konkurrenz für etablierte Payment-Dienste? Genau dazu haben wir bei zwei großen Anbietern nachgefragt – Mollie und Unzer.

Digitale Souveränität trifft auf offene Fragen

Grundsätzlich sehen beide Zahlungsdienste den digitalen Euro positiv – zumindest auf strategischer Ebene. Ein Unternehmenssprecher von Mollie bezeichnet den digitalen Euro als „logische Weiterentwicklung des bestehenden Finanzsystems“. Er habe das Potenzial, „die digitale Souveränität Europas zu stärken“ und könne langfristig „zur Innovation im Payment-Ökosystem beitragen“.

Auch Unzer sieht große Chancen: „Der digitale Euro hat das Potenzial, den Zahlungsverkehr in der Eurozone grundlegend zu modernisieren“, sagt Pascal Beij, Chief Commercial Officer bei Unzer. Eine europaweit einheitliche, sichere und schnelle Zahlungsmethode könne insbesondere für Händler attraktiv sein, die grenzüberschreitend verkaufen.

Gleichzeitig bremsen beide Anbieter die Erwartungen aber auch in gewisser Hinsicht: Entscheidend sei nicht die politische Vision, sondern der konkrete Nutzen im Alltag. Beij bringt es auf den Punkt: „Entscheidend für den Erfolg ist, dass die Verbraucher einen klaren, greifbaren Vorteil gegenüber bestehenden Lösungen wie Apple Pay oder PayPal wahrnehmen.“ Ohne diesen Mehrwert könnte die Akzeptanz aus seiner Sicht „schleppend verlaufen“.

Integration könnte zum Kraftakt werden

Für den Online-Handel sehen beide Zahlungsdienste vordergründig Chancen in Hinblick auf Geschwindigkeit und Abhängigkeiten. So erwartet man bei Mollie, dass die Beschleunigung von Zahlungen zum größten Vorteil erwachsen könne: „Instant Payments könnten mehr und mehr zum Standard werden. Das würde den Cashflow für Händler deutlich verbessern und gleichzeitig die Abhängigkeit von internationalen Kartenanbietern reduzieren.“

Dem stehen jedoch Risiken gegenüber. Gerade die Einführungsphase könnte herausfordernd werden. Der Unternehmenssprecher von Mollie verweist auf „die technische Komplexität – insbesondere mit Blick auf Integrationen und die Kompatibilität mit bestehenden Zahlungs- und Shopsystemen“. Hinzu komme die regulatorische Unsicherheit: Wenn Vorgaben unklar bleiben, bestehe die Gefahr, „dass Unternehmer und Dienstleister davon abgehalten werden, sich frühzeitig mit dem digitalen Euro zu befassen“.

Unzer rechnet ebenfalls mit einem anfänglichen Mehraufwand: „Wie bei allen neuen Zahlungsmethoden wird es eine technische Integration bedeuten und damit erst einmal Aufwand für die Unternehmen“, sagt Pascal Beij. Langfristig könne sich dieser Aufwand aber lohnen, da Händler:innen von einer einheitlichen Lösung für den gesamten Euroraum profitieren würden.

Komfort, Datenschutz und Betrugsprävention im Fokus

Ob sich der digitale Euro durchsetzt, entscheidet sich laut beiden Anbietern vor allem am Nutzungserlebnis. „Er muss extrem einfach und intuitiv zu bedienen sein“, betont Pascal Beij. Verbraucher:innen seien den Komfort bestehender Wallets gewohnt – der digitale Euro müsse mindestens dieses Niveau erreichen, besser noch übertreffen. Besonders mobile Endgeräte spielten dabei eine Schlüsselrolle.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Datenschutz. Bei Mollie erachtet man Vertrauen als zentrale Voraussetzung für Akzeptanz: „Nur mit einem differenzierten und transparenten Datenschutzkonzept wird Akzeptanz gefördert werden – sowohl auf Händler- als auch auf Konsumentenseite.“ Gleichzeitig verweist man auf Zielkonflikte: Zu starke Anonymisierung könne mit gesetzlichen Pflichten kollidieren, etwa bei steuerlichen Nachweisen oder Lieferprozessen.

Auch bei der Betrugsprävention sehen beide Dienste hohe Anforderungen. Strikte Authentifizierungsmechanismen wie 2-Faktor-Authentifizierung oder biometrische Verfahren seien hier notwendig, „um die Datensicherheit zu maximieren und das Vertrauen der Verbraucher zu sichern“, wie Beij klarmacht.

Bedrohung oder neues Zusammenspiel?

Bleibt die Frage, ob der digitale Euro Zahlungsdienste wirtschaftlich unter Druck setzen könnte – etwa durch geringere Kosten für Händler:innen. Hier sind beide Anbieter zurückhaltend. So lasse sich derzeit noch gar nicht abschätzen, „wie komplex eine Transaktion mit dem digitalen Euro technisch und regulatorisch sein wird“. Aufgrund dessen könne man die Wettbewerbsfähigkeit derzeit bei Mollie nicht abschätzen. Auch Pascal Beij verweist darauf, dass „noch zu wenig über die konkrete Umsetzung und mögliche Kostenvorteile bekannt ist, um fundierte Aussagen zu treffen“.

Einigkeit besteht darin, dass Zahlungsdienste nicht einfach ersetzt werden. Vielmehr könnten sie eine neue Rolle einnehmen – als Integrationspartner, technischer Vermittler und Experte für Sicherheit, Checkout-Optimierung und regulatorische Anforderungen.

Für Online-Händler:innen heißt das: Der digitale Euro ist kein kurzfristiger Gamechanger, aber ein Thema, das man im Blick behalten sollte. Wer früh versteht, welche Chancen und Pflichten damit einhergehen, kann sich rechtzeitig vorbereiten – unabhängig davon, ob der digitale Euro am Ende zur dominanten Zahlungsart wird oder „nur“ eine weitere Option im Checkout.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com