Digitaler Euro kommt – und die Branche wird bockig

Veröffentlicht: 14.08.2025
imgAktualisierung: 14.08.2025
Geschrieben von: Christoph Pech
Lesezeit: ca. 5 Min.
14.08.2025
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Bockiges Kind auf einer Straße
Aynur_sib / Depositphotos.com
Der digitale Euro ist nicht einmal beschlossen, gilt aber schon als Schreckgespenst. Ein wenig Zweckoptimismus würde guttun – ein Plädoyer.


Ich denke in diesen Wochen oft an meinen dreijährigen Sohn, wenn ich recherchiere und mir die Branche betrachte. Nicht, weil ich ihn liebe (das tue ich natürlich) oder weil er uns regelmäßig zur Weißglut treibt (das tut er natürlich), sondern weil ich Parallelen in der Diskussionskultur erkenne. Die Bezeichnung „Diskussion“ ist wohl etwas hochgegriffen, aber in der Regel läuft die Kommunikation derzeit in etwa so ab:

Ich: „Na los, ab unter die Dusche.“

Sohn: „Ich will aber nicht duschen!“

Ich: „Dann duschen wir eben morgen.“

Sohn: „Ich will aber jetzt duschen!“

Ich: „Na gut, dann ab unter die Dusche.“

Sohn: „Ich will aber nicht duschen!“

Die argumentativ wasserdichte Gesprächsstrategie des Sohnes baut freilich auf feinster Bockigkeit und größtmöglicher Lautstärke auf. Mit anderen Worten: Egal was, alles ist falsch. Aber es ist ja nur eine Phase. In dieser Phase scheint sich – um den Bogen zu spannen – auch die E-Commerce-Branche zu befinden, vor allem in Bezug auf den digitalen Euro. Der schafft es, ohne bislang überhaupt aus der erweiterten Konzeptphase herausgekommen zu sein, zum absoluten Reizthema zu werden.

Der digitale Euro: Es wird ernst

2023 ist die Europäische Zentralbank (EZB) in die sogenannte Vorbereitungsphase für den digitalen Euro gegangen, in der „das Regelwerk fertiggestellt und Anbieter für die Entwicklung von Plattform und Infrastruktur ausgewählt werden“ sollen. Aktuell wird der entsprechende Gesetzesentwurf final ausgearbeitet, im Oktober muss dann der EZB-Rat entscheiden, wie es weitergeht. Zum Schluss muss die EU noch ihr Go geben.

Der digitale Euro soll als elektronische Variante des Euro funktionieren. Das heißt: Überall dort, wo man mit Euro-Bargeld zahlen kann, soll man dann auch mit der digitalen Variante zahlen können, zudem werden natürlich Online-Zahlungen möglich. Gespeichert wird die digitale Währung in einer Wallet. Anders als Kryptowährungen werde sein Kurs stabil sein. Ein digitaler Euro ist immer genauso viel wert wie ein normaler Euro. Zudem ist er als digitale Zentralbankwährung (CBDC) nicht dezentral verwaltet, sondern von der EZB. Die hohe Volatilität von Bitcoin und Co. ist also nicht zu befürchten. Startschuss könnte 2028 sein, sofern die europäischen Politikmühlen so schnell mahlen können. Das bleibt erfahrungsgemäß abzuwarten.

Digitaler Euro: Überall nur Probleme?!

Aber was ist das große Problem? Um den Vergleich mit dem Sohn zu vertiefen: Egal, wann und in welcher Form die Digitalwährung kommt, sie kann es ohnehin niemandem recht machen. Europa muss eigentlich selbst mal etwas auf die Beine stellen, aber wohin man blickt, überall hagelt es Kritik. Es ist ein regelrechter Reflex geworden in unserer Branche, jede mögliche Chance im Shitstorm zu ersticken. Einerseits müssen wir endlich selbst mal etwas tun, andererseits ist alles, was diesseits des Atlantiks probiert wird, erst einmal falsch.

Ich möchte mich da selbst im Übrigen gar nicht ausnehmen. Paydirekt – die Älteren werden sich erinnern – habe ich regelmäßig teils scharf kritisiert. Dem PayPal-Konkurrenten Wero habe ich im vergangenen Jahr attestiert, sich zum Start direkt das eigene Grab zu schaufeln. Mittlerweile zeigt sich, dass es für Wero gar nicht mal so schlecht läuft. Die vorschnelle Fehleinschätzung (wir warten trotzdem erstmal die Entwicklung ab) muss ich eingestehen.

Es ist fast bewundernswert, wie gelassen Bundesbank-Chef Burkhard Balz im Interview mit der Wirtschaftswoche auf teils heftige, oftmals haltlose Kritik am digitalen Euro reagiert und versucht, zu erklären, anstatt zurückzufeuern.

Furcht statt fundierter Kritik

Denn die Kritikpunkte, die häufig angeführt werden, sind vor allem kaum reflektierte Befürchtungen:

  • Die EZB, die europäischen Regierungen und beteiligte Finanzinstitute könnten durch den digitalen Euro Zugang zu persönlichen Finanzdaten der Bürger:innen erhalten. Das ist richtig, das könnten sie. Genau wie bei allen anderen digitalen Bezahlmöglichkeiten, die allerdings größtenteils in der Hand amerikanischer Konzerne liegen, die es mit Datenschutz und Transparenz oftmals eher lax halten. Zur Wahrheit gehört: Jede Bezahlung, die nicht mit Bargeld durchgeführt wird, jedes Konto und jede Wallet könnten theoretisch missbraucht werden.
  • Finanzinstitute monieren, dass Bürger:innen große Teile ihres Geldes von den Konten in die Euro-Wallets transferieren könnten, was die Banken vor Probleme stellen würde. Könnte passieren, wenn es nicht die geplante Obergrenze von 3.000 Euro pro Wallet geben würde.
  • Warum muss die EZB überhaupt vorpreschen und ein eigenes digitales Zahlungsmittel an den Start bringen? Das könnten ja auch kommerzielle Banken machen. Theoretisch stimmt das, wahr ist aber auch, wie Bundesbank-Chef Balz sagt: „Das haben sie in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht geschafft.“ Davon abgesehen: Seit wann ist es, gerade in unserer Branche, ratsam, etwas nicht zu tun, nur weil es schon jemand getan hat?

Ein bisschen Zweckoptimismus, Leute

Dass der digitale Euro Vorteile bringen kann, dass er eine Alternative zur transatlantischen Abhängigkeit sein kann (genau wie Wero), fällt in der überraschend hitzig geführten Diskussion schnell unter den Tisch. Durchschnittliche Kosten für den Handel, sowohl online als auch stationär, dürften sinken, denn das Eurosystem stellt die Infrastruktur privaten Zahlungsdienstleistern unentgeltlich zur Verfügung – im Gegensatz zu den großen amerikanischen Anbietern. Für die Verbraucher:innen wird die Nutzung ohnehin kostenfrei funktionieren. Das gilt im Übrigen auch im Ausland. Das bietet längst nicht mehr jede Bank mit ihren Kredit- und Girokarten.

Wird der digitale Euro der europäische Heilsbringer gegen die US-Konkurrenz? Vielleicht nicht. Allein die Kosten auf Anbieterseite sind noch kaum zu überblicken. Vielleicht wird er von der Bevölkerung schlicht nicht angenommen, weil es genug Alternativen gibt. Möglicherweise gibt es aber doch genug Menschen, die ihr Geld und ihre Daten lieber in den Händen von europäischen Institutionen mit funktionierenden Kontrollmechanismen wissen als in denen von privaten US-Konzernen.

Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig beruhigen und erst einmal abwarten, bevor wir einen Teufel an die Wand malen, den es noch gar nicht gibt. Gesunde Skepsis ist gut und wichtig, aber ein gewisser Zweckoptimismus und mehr Gelassenheit können nicht schaden. Hilft auch beim Sohn.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 14.08.2025
img Letzte Aktualisierung: 14.08.2025
Lesezeit: ca. 5 Min.
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Christoph Pech

Christoph Pech

Christoph schreibt über KI, digitale Innovationen und Payment-Lösungen – immer mit einem Blick auf smarte Technologien.

KOMMENTARE
8 Kommentare
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Karsten
21.08.2025

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Erinnert sich noch jemand an die Geldkarte? Die war eigentlich schon gut nur wohl auch ihrer Zeit voraus und für den Handel zu teuer. Damals hat ein Karten Lesegerät noch 70,-- im Monat gekostet. Wir brauchen den digitalen Euro und er muss verpflichtend werden. Es gibt keinen Grund warum nicht jede Geldtransaktion transparent sein darf und auch muss. Wir sind was diese Dinge angeht eine echte Bananenrepublik, Bargeldlosigkeit würde auch das verschleiern von Schwarzgeld erheblich erschweren. Was uns als Onlinehändlern doch nur recht sein darf. Wenn es dann noch eine Alternative ist bei der uns aufgrund geringerer Kosten mehr Marge bleibt dann ist es für uns doch ein Gewinn.
Arno Nym
15.08.2025

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Verstehe und begrüße eine lokale Alternative zum US Markt... Ich sehe nur noch nicht dass das praktisch funktionieren wird. ein 3000 Euro Limit pro wallet ist ja schon wieder ein starkes Problem. will ich einen starken arbeits oder gaming PC kaufen (für die älteren hier nehmen wir ein Auto als Vergleich), sind wir da schnell drüber und ich muss auf andere Optionen ausweichen. wo also soll die praktische Anwendung sein? alle kleinbeträge die ich im Alltag zahle, sind bereits über die bankkarte gelöst. Grosbeträge gehen damit scheinbar nicht... Also wann ist das Ding praktisch? ich will es nicht schlecht machen aber ich brauche mindestens 1 Fall in dem es ein Vorteil gegenüber anderen Optionen ist um es zu akzeptieren.
Thorsten
15.08.2025

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Zu der Aussage "die Branche wird bockig": Ein Problem ist hier, dass es - wenn ich den Text richtig verstehe - verpflichtend wird, dass ich als Händler meinen Kunden die Möglichkeit anbiete per "digitalem Euro" zu zahlen. Bei Wero und anderen Anbietern kann ich entscheiden, ob ich diesen Service anbieten möchte oder nicht. Das bedeutet also wieder zusätzliche Arbeit. Und auch wenn sich der Aufwand in Grenzen halten mag - auch viele Kleinigkeiten summieren sind. Statt dem (ja schon häufiger) versprochenen Bürokratieaufbau wird es weiterhin mehr und mehr.
Paul
15.08.2025
Ganz genau Thorsten, für Kunden ist der digitale Euro erstmal nebenher und optional, aber die Pflicht für alle Händler den akzeptieren zu müssen, bedeutet auch jeder Bäcker, jeder Blumenladen, jeder Marktstand, jede Eisdiele am Strand, jede Pension/Restaurants im Wald bräuchten stabile Internetverbindungen, auch jeder Handwerke der nach Stunden abrechnet, in der gesamten EU. Da reicht schon wenn man ne Kugel Eis nicht mit digitalem Euro bezahlen kann, die Mutter kein Bargeld mehr mitführt, das Kind quängelt und der Ei-Händler sagt "ja sorry hier draußen ist kein Internet oder so ein Gerät wäre zu teuer für den Betrieb eines kleinen Eisladen". Ja dann kann die Mutter den Verkäufer bis weit in den Ruin verklagen, oder wie? Die EU-Richter sperren dann erstmal das Wallet des Verkäufers und nach dem Urteil wird es leer geräumt. Selbst wenn solch eine Infrastruktur möglich wäre und man die Kritik an 4G/5G Strahlung mal außen vor lässt, wären das immense Kosten welche die EU/EZB natürlich nicht uneigennützig aus eigener Tasche bezahlen, nein das käme aus anderen Mehrbelastungen die man uns auferlegt. Und selbst wenn das alles klappen würde, bliebe Kritik dass es die Einführung durch die Hintertür ist, es ist ja (noch) optional für den Kunden.
S. Hochmuth
15.08.2025

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In meinen Augen sind die korrupten Politiker oder um ein konkretes Beispiel zu nennen, Lagarde, das große Problem. In den letzten Jahren sind zu viele korrupte Machenschaften und Machtmissbrauch ans Licht gekommen, dass CBDC‘s einfach zu mächtig in den falschen Händen sind. Die Immunität muss nachträglich aufgehoben werden und darf auch in Zukunft kein Freifahrtschein für korrupte Menschen darstellen. Denn ohne die falschen Personen wäre die Einführung der CBDC‘s wirklich erwünschenswert, um endlich gegen Scheinprivate, Steuerhinterzieher und Schwarzarbeiter vorzugehen.
cf
15.08.2025

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Ich denke auch, dass man mit Kritik erstmal abwarten sollte, ABER wenn man sich so ansieht, was seitens der EU an Rohrkreppierern in letzter Zeit produziert wurde (Cookie-Banner, Streitbeilegungsplattform, CSRD-Kennzahlengewirr, etc.), dann bestehen leider nicht ganz unbegründete Bedenken, ob da ein sinnvolles Konzept entsteht, dass später auch wirklich ohne große Bürokratie umsetzbar ist. So könnte z.B. mal nur für den Onlinehandel folgendes erwähnt werden: Woher kommen die Shop-Plugins zur Zahlungsabwicklung? Wird es, wie bei den privaten Zahlungsanbietern Sicherheitsmechanismen für beide Seiten geben (Käuferschutz durch Paypal und gleichzeitige sofortige zugesicherte Zahlungsfreigabe für den Händler ohne Zeitversatz)? Wie hoch werden die Gebühren für die Händler (für die Buchung und auch die Plugins)? Wie ist der Zahlungsempfang für Händler vorgesehen, falls es eine Obergrenze für das Wallet gibt und es kommen so viele Bestellungen rein, dass die 3.000 (oder wieviel auch immer) Euro sind voll - kommt es dann zum Fehler und Kunden können nicht bestellen weil das Händler-Wallet voll ist? Dies sind nur einige Beispiele aus der sprichwörtlichen "kalten Hose", die mir während des Schreibens hier eingefallen sind.... Fazit: Abwarten und hoffen, dass die Initiatoren ausnahmsweise mal gründlich nachdenken...
Tino Ecke
14.08.2025

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Sehr geehrter Herr Christoph Pech, festzuhalten bleibt: Geld ist wichtig für die Sicherung der Existenz, die Befriedigung von Grundbedürfnissen und die Gestaltung des Lebens nach eigenen Vorstellungen. Digitale Wallets sind nicht sicher genug und werden so oder so anfällig für Hackerangriffe und Cyberkriminalität sein. Wallets können kompromittiert werden, was zum Diebstahl von Geldern und quasi zum vollständigen Verlust führen kann. Dazu kommt noch eine Geräteabhängigkeit mit weiteren zahlreichen Risiken. Man denke nur einmal an Kompatibilitätsprobleme oder fehlender Internetverbindungen. Und in Zeiten des Wandels gibt es dann begründete Kurskorrekturen historischen Ausmaßes. Beispiel: Schweden. Schweden vollzieht eine außergewöhnliche geldpolitische Wende. Die schwedische Zentralbank Riksbank betonte in ihrem Jahresbericht 2024 die unverzichtbare Rolle von Bargeld für sichere und allgemein verfügbare Zahlungssysteme. Als kritisches Sicherheitsdefizit sieht die Notenbank die Verwundbarkeit des digitalen Zahlungsverkehrs bei Zwischenfällen wie Stromausfällen oder Cyberangriffen. Info-Quelle: https://www.perfect-money.de/schweden-bargeld-unverzichtbar/ und https://www.riksbank.se/en-gb/search/?query=annual+report+2024
Frank2
14.08.2025

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Aufklärung wäre so ne Sache, also nicht Bienchen und Blümchen sondern WOZU braucht man eine pseudo eigenständige Währung die Euro heißt? Für viele und auch für mich, ist die Zahlung per Kreiditkarte, Paypal und Onlineüberweisung Digital genug... den das Geld geht von meinem Geldbeutel bei der Bank ab, die Kohle liegt da schließlich auch nur Digital auf dem Konto und nicht als Bargeld....