Der angeschlagene Zahlungsdienstleister Wirecard soll bereits 15 Jahre vor der Insolvenz defizitär gewesen sein. Das habe nun dem Handelsblatt zufolge ein ehemaliger Vorstand des Aschheimer Unternehmens erklärt. Der Manager, der anonym bleiben wolle, habe zudem nach eigenen Angaben den Aufsichtsratsvorsitzenden ab 2008 darüber informiert, „dass die veröffentlichten Zahlen nur durch massive Eingriffe in die Buchhaltung zustande kamen“, schreibt das Handelsblatt. Daraufhin angesetzte Gespräche mit Markus Braun seien aber ergebnislos geblieben.
„Ich habe erst nach einer Weile gemerkt, dass alles sich nur um eines drehte: eine Story für die Kapitalmärkte zu produzieren. Die nächste Kapitalerhöhung, die nächste Anleihe, der nächste Kredit“, so der ehemalige Vorstand. Er wundere sich, dass die Behörden nicht eingegriffen haben. „Ich kenne niemanden, der über einen so langen Zeitraum ein so lineares Wachstum gezeigt hat wie Wirecard. Außer Bernie Madoff“, so der Manager. Madoff gilt als größter Anlagebetrüger der Weltgeschichte.
Das Handelsblatt habe in den vergangenen Tagen mit mehreren Insidern gesprochen, die alle ein ähnliches Bild von Wirecard zeichneten: Dass bei dem Unternehmen betrogen wurde, sei „nie eine Frage gewesen“. Die einzige Frage sei gewesen, wie lange die Betrüger sich bereichern konnten, bevor sie auffliegen würden. „Es sei so viel Geld im Spiel gewesen, dass Ausgaben für das Ausspionieren und die Einschüchterung von Mitwissern oder Kritikern kleine Posten waren“, berichtet das Handelsblatt weiter.
Die beiden ehemaligen Wirecard-Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek seien am Geschäft gar nicht interessiert gewesen, sondern nur an Storys, die Banken und Aktionären gefallen könnten. „Andere Firmen haben einen Börsenkurs, Wirecard war ein Börsenkurs mit Firma“, beschreibt es ein Ex-Manager. Den Bereich von dem noch immer flüchtigen Ex-COO Jan Marsalek beschreibt ein weiterer hochrangiger Manager als „Blackbox“. Ein anderer ergänzt, dass man im Konzern froh gewesen sei, „dass sich Marsalek um die schmutzigen Geschäfte kümmerte. Man wusste, sie waren hochprofitabel, aber man wollte nichts damit zu tun haben“.
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