Online- und Offline-Welt sind nicht mehr trennbar
Eindeutig vorbei ist es nach der Einschätzung der Branchenexpert:innen mit einer Trennung des stationären vom Online-Handel. Dr. Jannika Bock, Managing Director Retail bei Google, ist sich sicher, dass – neben der Nutzung von KI – vor allem das kanalübergreifende Shopping-Erlebnis weiter an Relevanz gewinnt: „Für die Transformation unserer Wirtschaft werden wir weiterhin ein wichtiger Partner sein und den Wandel aktiv mitgestalten. Ich blicke positiv auf die Innovationskraft des deutschen Handels. 2024 wird ein spannendes Jahr, angesichts neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz oder aber auch die verstärkte Verzahnung im Bereich Omnichannel“, erklärt die Handels- und Digitalexpertin. Händler:innen müssen beide Kanäle sinnvoll miteinander verbinden, rät auch Omar Tello, Co-Gründer und CEO des Softwareunternehmens Sensalytics: „Sinnvoll bedeutet hier auch: Mit den Interessen und dem persönlichen Kaufverhalten der Kundschaft entsprechend beraten. Datenanalyse im Online- und Offline-Handel bieten dafür die notwendige Grundlage und wird 2024 noch stärker genutzt werden. Wenn der Kunde sich von sich aus im Laden einscannt, beispielsweise per QR-Code, und ich als Händler die Größe, Kaufhistorie und mehr von meinem Kunden sehe, kann ich ihm das bestmögliche Erlebnis bieten, online wie offline.“
Dass Online- und Offline-Welt sich mehr verbinden, ergebe sich unter anderem durch die Konsumgewohnheiten jüngerer Leute: „Gen Z und Händler:innen treffen sich 2024 hybrid“, stellt Frederik Reim, Country Lead DACH beim B2B-Marktplatz Faire, klar. „Die digital sozialisierte Altersgruppe verfügt zum Teil über ein eigenes Einkommen, informiert sich in digitalen Communitys über Trends und Produkte, kauft aber zunehmend stationär ein.“ Eine Faire-Umfrage unter 1.000 Erwachsenen zwischen 18 bis 26 Jahren ergab, dass 61 Prozent von ihnen heute eher persönlich als online shoppen. „Die Grenze zwischen den beiden Welten verschwimmt nach unserer Erfahrung zusehends. So sind mittlerweile immer mehr stationäre Händler:innen auch online präsent, z. B. über einen Online-Shop oder über geschicktes Community-Management über Instagram, TikTok oder WhatsApp. Multichannel wird 2024 auch bei kleinen Unternehmen zum Standard werden“, so Reim.
Der Austausch rund ums Shopping in den sozialen Netzwerken wird gemeinhin als Social Commerce bezeichnet. Und dieser sei gekommen, um zu bleiben, registriert der CEO des lokalen Marktplatznetzwerks Ooblee Fabian Mischler: „Was seit Jahren Alltag in asiatischen Ländern ist, schwappt nun auch mehr und mehr nach Deutschland und Europa über. Gerade die Gen Z feuert diesen Trend noch weiter an.“ Gleichzeitig sei die junge Zielgruppe nicht daran interessiert, wo sie ihre Ware erhält, sondern nur, dass sich Shopping so bequem wie möglich in den Alltag integriert, meint Mischler. „Sogenannte Pocket Destination Apps, die als täglicher Begleiter des Alltags fungieren, werden 2024 auch im Commerce-Bereich immer relevanter werden. Bereichert durch soziale Features, z. B. gemeinsame Shopping-Erlebnisse, werden solche Commerce-Plattformen zukünftig den Markt bestimmen und für Händler:innen als Absatzkanal relevant.“
„Brandloyalität ist Geschichte“
Die stärkere Verzahnung der Kanäle hat Auswirkungen auf die Art des Marketings und des Brandings. Dafür eröffne Retail Media, also Werbung für Käufer:innen direkt am Point of Sale, neue Möglichkeiten für den Handel und Marken. Die Werbestrategie „ist in Zukunft nicht mehr nur für den E-Commerce relevant, sondern wird auch vermehrt im lokalen Handel eingesetzt werden, was einen angepassten Media-Mix erfordert“, prognostiziert Nicole Bucher, CMO des Netzwerks für digitales Handelsmarketing Offerista.
Was und wie man, etwa die eigene Marke oder den Shop, bewirbt, sollte gut durchdacht sein. „Personal Brands bekommen eine immer größere Bedeutung. Unternehmen werden ihre Mitarbeiter:innen motivieren, eine persönliche Marke zu etablieren“, sagt Olga Andrienko, VP of Brand beim Marketing-Unternehmen Semrush. „Die Zeiten, in denen Brands alles für jeden sein konnten, sind vorbei. Innovationen, die echten Mehrwert bieten, werden hingegen stärker denn je nachgefragt. Schwierig bleiben die unvorhersehbaren externen Faktoren, die Industrie und Handel eine konkrete Planung weiterhin schwer machen“, ist sich auch Sebastian Bär, Gründer und CEO des Schuh-Labels Joe Nimble, sicher.
Sich zu sehr auf das eigene Branding zu stützen, ist laut Anton Eder jedoch auch nicht das Wahre. Der Co-Founder und CoS von ParcelLab – einem Anbieter, der die komplette Kommunikation für Händler:innen nach dem Kauf übernimmt – findet klare Worte: „Brand-Loyalität ist Geschichte. 2024 wird die Customer Experience mehr denn je über Kauf oder Nicht-Kauf entscheiden. An Prozesseffizienz und Customer Centricity kommt kein Händler mehr vorbei, wenn er diese krisenintensive Zeit überleben will.“
Fazit: Wer mehr zu bieten hat, setzt sich durch
Es dürfte also auf die gute alte Mischung aus allem hinauslaufen. Thomas Peham von Storyblok rät: „Als Unternehmen müssen wir uns auf die Markenbildung, das Marken-Sentiment und auch darauf konzentrieren, wie unsere Marke für unser ideales Kundenprofil (ICP) in den Vordergrund gerückt werden kann – das gilt für diejenigen, die bereits auf dem Markt sind, aber auch für diejenigen, deren Produkt oder Service noch kommt.“
In dem derzeitigen, eher stagnierenden Marktumfeld gilt es einmal mehr, sich professionell, kundenzentriert und kosteneffizient aufzustellen. Und es lohnt sich, so André Roitzsch, CEO des E-Commerce-Dienstleisters Shopmacher, eine Schippe draufzulegen: „Es wird auch in den nächsten Monaten branchenübergreifend schwierig bleiben. Das wird vor allem ein Problem für alle, die durchschnittlich sind. Weniger für all jene, die wirklich etwas zu bieten haben.“
Artikelbild: http://www.depositphotos.com
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