Differenzierte Retourenmodelle braucht die Branche
Statt sich zu überlegen, ob es Retouren gegen Gebühr geben soll, werden in der Branche auch Ansätze entwickelt, nicht erfolgte Rückgaben zu verfügen: Das StartUp Keepoala beispielsweise will mittels Belohnungen dazu animieren, Waren seltener zurückzugeben. Diese Art Modelle setzen voraus, dass der Kunde oder die Kundin durch eine Belohnung das eigene Rücksende- und Bestellverhalten ändert. Doch hier müsse man Kromer zufolge genauer hinschauen: Wer nicht geplant hat, Ware zurückzuschicken, sie jedoch eben schlicht nicht behalten möchte, weil sie nicht passt oder gefällt, den werde auch ein Belohnungsmodell nicht vom Rückversand abhalten.
Anders sei dies eventuell bei jenen, die alles retournieren und schon bei der Bestellung wissen, dass sie die Ware zurückschicken, „wie manche Influencer:innen, Testtrager:innen etc., oder Kund:innen, die immer nur reduzierte Waren kaufen und großteils retournieren“, erläutert der Handelsexperte. „Allerdings bin ich der Meinung, dass hier eher Bestrafungskonzepte, wie ein Ende kostenloser Retouren, Sinn machen. Diese Kund:innen müssen rausgefiltert werden.“
Statt ausbleibende Retouren also zu belohnen oder für alle dieselben Gebühren einzuführen, brauche es differenzierte Lösungen für die unterschiedlichen Käufergruppen. „Die Vorstöße und Maßnahmen, die im Moment erkennbar sind, erachte ich für zu pauschal und als Steuerungsinstrument zur Reduzierung der Retourenquote ungeeignet. Unternehmen, die jetzt pauschal Retourenkosten einführen, geben einfach ihre gestiegenen Kosten undifferenziert weiter“, gibt der Strategieberater zu bedenken. An ein allgemeines Ende kostenloser Retouren glaube er deshalb nicht, auch wenn es sich gerade abzeichne, dass noch einige Händler nachziehen werden. „Insgesamt bleiben Retourenkosten ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Kund:innen und damit auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor“, so Kromer.
Karsten Dierks hat die Idee, dass pro Bestellung nur eine Retoure möglich sein sollte – auch wenn die Order mehrere Artikel beinhaltet. Ware einmal hin und einmal zurück zu senden, „das ist dann unterm Strich auch nicht aufwendiger als mit dem eigenen PKW in die City zur Anprobe zu fahren“, erklärt er. Unterm Strich glaubt der Retourenprofi auch nicht daran, dass sich kostenpflichtige Rücksendungen durchsetzen. „Aber das muss auch gar nicht das Ziel sein – viel wäre schon erreicht, wenn zumindest unnötige Retouren vermieden und alle anderen dann möglichst wiederverkaufsfähig zurückgeschickt würden.“ Und da könne man eben viel tun.
So können Händler Retouren reduzieren
Ob gegen Geld oder weiterhin ohne Zusatzkosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher – letztlich kommt es auf jede Retoure an, die nicht entsteht, denn das hilft der Kundschaft, dem Handel und der Umwelt.
Das sind – zusammengefasst – die wichtigsten Tipps der beiden Experten, damit die Rücksendungen so selten wie möglich erfolgen können:
- Datengestützte Analyse der Rückgabegründe: Warum Waren zurückgesendet werden, sollte datengestützt erfasst, verarbeitet und mit Kundendaten verknüpft werden. „Hier gibt es noch viel Potenzial, denn eine Vielzahl von Unternehmen lässt die Gründe der Rücksendung seitens der Kund:innen weiterhin handschriftlich erfassen“, sagt Sven Kromer. Möglich ist das zum Beispiel mithilfe von Retourenportalen.
- Genug Informationen: Neben einer detaillierter Beschreibung und Bebilderung der Waren sollten Händler auch auf anderen Wegen vorhandene Unsicherheiten reduzieren, etwa durch personalisierte Größen- und Style-Beratung, oder eine direkte Kundeninteraktion, mittels einer App für die virtuelle Anprobe von Mode im Textilbereich. Außerdem sollte unbedingt auf exakte Größentabellen, Modellfotos mit Angabe der Körpergröße und textliche Hinweise zur Passform geachtet werden.
- Auch die Gründe für einen Kauf sollten unter die Lupe genommen werden: „Welche Größe, Passform, Kragenform, Materialien usw. haben den Kund:innen zugesagt und zu einem oder Mehrfachkäufen geführt? Das sollten die Händler segmentspezifisch analysieren“, rät Kromer.
- Liefertreue verbessern: Die Optimierung der Logistik ist eine wichtige Stellschraube, falls der Retourengrund in ihr begründet liegt, etwa, weil die Lieferzeit länger als geplant ausgefallen ist.
- Kundenseitig können Produktbewertungen das Retourenmanagement unterstützen – sie sollten aber so angelegt sein, dass sie für Händler auswertbar sind.
- Hinweise zum Aufwand und zum Umweltschaden: „Für einen Kunden bedeutet das Verpacken und Versenden der Ware im Schnitt einen Aufwand von etwa einer halben Stunde – Zeit, die man sicher besser verbringen kann“, erklärt Karsten Dierks. Auf solche Problematiken und Umweltschäden an prominenter Stelle im Shop aufmerksam zu machen und gleichzeitig auf Beratung zu verweisen, könnte die Kundschaft im richtigen Moment sensibilisieren, damit sie nicht zu viel bestellen.
- Guter Kundenservice: Der Service sollte erreichbar, schnell und kompetent sein – etwa per Telefon oder Chat. Komplizierte Montageanleitung oder wackelnde Schrauben können nerven – und mit dem Frust sollte man nicht allein gelassen werden. Hier sollte man idealerweise sofort auf Anfragen reagieren, damit die Retoure nicht schon unterwegs ist.
- Alternativen zur Retoure aufzeigen: Vor allem bei beschädigter Ware kann es helfen, auf Optionen hinzuweisen wie einen Anruf beim Kundenservice, Ersatzlieferung, Preisnachlass und andere Kulanzleistungen. „Der entscheidende Tipp ist, das kalkulatorisch Mögliche anzubieten, feilschen um Prozentpunkte ist meist nicht förderlich und führt dann doch zur Rücksendung“, rät Dierks. „Da braucht es natürlich eine Einzelfallbetrachtung, aber aus unserer Erfahrung können 25 bis 30 Prozent Nachlass die meisten Kunden schon ins Grübeln bringen. Und wir reden hier von defekter Ware.“ Auch Anleitungen zur Reparatur oder zum Ersatzteilversand können helfen.
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bei der klassischen Widerrufs-Retou re sieht dagegen ganz anders aus. Verbleibt bei einer Auswahlbestellu ng z.B. mit mehreren Größen oder alternativen Kleidungsstücke n meist zumindest ein Teil der Ware beim Käufer - und somit auch ein Beitrag zum Deckungsbeitrag des Händlers erhalten, schlagen bei einer Komplettretoure - egal ob es sich um 1 oder 5 Teile handelt - nur Kosten zu Buche.
Gerade hier ist also anzusetzen, um den Kunden zu einem bewusstereren Onlinekauf zu bewegen. Ihn tatsächlich zur Beschäftigung mit dem Artikel und seinen Eigenschaften VOR DEM KAUF zu bewegen, um Fragen nach Beschaffenheit und richtiger Größe zu klären.
Die Realität sieht dagegen - vor allem beim mobilen Onlineshopping auf denm Handy - eher so aus: "Tolles Kleid auf dem Bild. Sonst passt auch immer M, also bestelle ich hier auch M." Oder noch besser: "Sexy Kleid für meine Frau/Freundin. Die hat bestimmt Gr. M..."
Dabei kennt wohl jeder inzwischen auch die Erfahrung beim Einkauf im Ladengeschäft vor Ort, dass bei einem Teil Gr. M passt, man beim nächsten Teil aber nicht hineinkommt oder drin versackt. So sind die Klamotten halt heutzutage.
Virtuelle Tools zur Ermittlung der Kunden-Größe dürften jedoch nur bei ganz großen Händlern zum Einsatz kommen, die zudem auch ncoh konkreten Einfluss auf die Größengestaltru ng ihrer Produkte hat.
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Antwort der Redaktion:
Hallo Dirk,
aus dem Artikel geht deutlich hervor, dass es um das Widerrufsrecht und nicht um die Rücksendung mangelhafter Ware geht. Nur ganz am Ende gibt einer der befragten Experten einen Tipp zum Umgang mit beschädigter Ware.
Beste Grüße,
die Redaktion
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