Verknappung, Preisstrategien und Bewertungen
OnlinehändlerNews: Herr Chiozza, könnten Sie kurz erklären, wie grundlegende psychologische Prinzipien das Konsumentenverhalten im Online-Marketing beeinflussen?
Ephraim Chiozza: Täglich treffen wir im Durchschnitt etwa 35.000 Entscheidungen – doch wie viele davon nehmen wir überhaupt bewusst wahr? Genau darum geht es: Studien zeigen, dass rund 95 Prozent unserer Entscheidungen unbewusst ablaufen. Auch die Hirnforschung bestätigt, dass wir Entscheidungen zunächst emotional treffen – und sie uns im Nachhinein rational erklären und rechtfertigen.
Deshalb beeinflussen nahezu alle psychologischen Prinzipien unser Kaufverhalten. Ob Farben, Bilder, Reihenfolgen, Formulierungen oder künstliche Verknappung – jedes Detail spielt eine Rolle, wenn es darum geht, das Unterbewusstsein zum Kauf zu bewegen. Besonders einfach lässt sich das übrigens am Abend beobachten: Nach einem Tag voller Entscheidungen fehlt uns oft die Energie und Willenskraft, um „Nein“ zu sagen. In diesem Moment sind wir besonders anfällig für Impulskäufe.
Sie erwähnten die Strategie der Verknappung. Wie setzen Online-Shops diese Technik effektiv ein, um den Verkaufsdruck zu erhöhen, und gibt es dabei ethische Grenzen?
Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Verknappung: Zum einen die sogenannte Scarcity, bei der ein Produkt nur in begrenzter Stückzahl verfügbar ist und zum anderen die Urgency, bei der ein Produkt nur für einen bestimmten Zeitraum erhältlich ist. Kombiniert man beide Ansätze, entsteht ein äußerst wirkungsvolles Marketinginstrument. Online-Shops nutzen diese Technik oft, indem sie beispielsweise eine Special Edition herausbringen, die nur für kurze Zeit und in limitierter Anzahl verfügbar ist. Je stärker die Marke, desto größer ist die Nachfrage – aus Angst, etwas Besonderes zu verpassen. Auch Rabattaktionen lassen sich in ihrer Dauer oder Stückzahl einschränken. Hier sind den Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt.
Das Thema Ethik spielt für uns allerdings eine wichtige Rolle. Da wir mit diesen Methoden eine starke Beeinflussung ausüben, arbeiten wir nur mit Produkten und Projekten, hinter denen wir voll und ganz stehen. Grundsätzlich finde ich jedoch, dass das gesamte Wirtschaftssystem aus ökologischer Sicht problematisch ist. Unternehmen sind quasi gezwungen zu wachsen. Wer nicht jährlich rund sieben Prozent Umsatzsteigerung erzielt, fällt im Vergleich zum Gesamtmarkt zurück und läuft Gefahr, sich langfristig selbst zu schaden. Trotz allem sollte man bei allen Wachstumsstrategien transparent bleiben. Eine künstliche Verknappung zu inszenieren, obwohl noch Tausende Artikel auf Lager sind, halte ich für unethisch.
Inwiefern beeinflusst die Darstellung von Produktbewertungen und Kundenfeedback die Kaufentscheidung? Wie können Unternehmen authentische Kundenbewertungen
fördern?
Bewertungen sind ein sehr wirkungsvolles Instrument, weil sie sogenannten Social Proof liefern – also den sozialen Beweis, dass ein Produkt tatsächlich gut ist. Unternehmen können viel behaupten, doch Kundinnen und Kunden begegnen solchen Aussagen oft zunächst mit Skepsis. Wenn jedoch andere Menschen diese Aussagen bestätigen, steigt das Vertrauen in das Produkt erheblich.
Dabei kommt es auf die Art der Bewertung an: Testimonials sollten möglichst konkret und deutlich formuliert sein. Eine Aussage wie: „Das Produkt gefällt mir.“; ist weniger überzeugend als: „Ich würde es jederzeit wieder kaufen und kann es jedem empfehlen.“
Je klarer und engagierter das Feedback, desto stärker wirkt es auf potenzielle Käuferinnen und Käufer. Auch die Bewertungsskala spielt eine Rolle: Eine Durchschnittsbewertung von 4,7 Sternen ist oft glaubwürdiger als eine perfekte 5-Sterne-Wertung, da Letztere schnell als übertrieben oder gekauft wahrgenommen wird.
Authentische Bewertungen lassen sich fördern, indem man gezielt Fragen stellt, die über ein einfaches „Wie zufrieden bist du?“ hinausgehen. Besser sind offene Fragen wie: „Was hat dir am besten gefallen?“; oder „Wie verwendest du das Produkt in deinem Alltag?“ – so entstehen persönliche, ehrliche Rückmeldungen, die deutlich authentischer wirken.
Welche psychologischen Effekte liegen hinter den unterschiedlichen Preisstrategien, die Online-Shops anwenden? Können Sie ein Beispiel für eine besonders effektive Preisstrategie nennen?
Eine der wirkungsvollsten Preisstrategien ist das sogenannte Kontrastprinzip. Dabei geht es darum, wie stark sich unsere Preiswahrnehmung verändern kann, wenn ein sogenannter
Ankerpreis gesetzt wird.
Ein einfaches Beispiel: Eine 1-Liter-Flasche Wasser für drei Euro wirkt auf den ersten Blick relativ teuer. Wird jedoch direkt daneben eine 1,5-Liter-Flasche für acht Euro angeboten, erscheinen die drei Euro plötzlich als günstiger und damit als attraktiver Preis.
Kommentar schreiben