Die elektronische Patientenakte – eines der aktuellen Lieblingsthemen des an Lieblingsthemen nicht eben armen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) – erhält gehörigen Gegenwind von den gesetzlichen Krankenkassen. Geht es nach Spahn, der die Patientenakte quasi zur Chefsache erklärt hat, soll die elektronische Akte bis 2021 allen gesetzlich Krankenversicherten zur Verfügung stehen. Dieser Zeitdruck sei allerdings kontraproduktiv, so Hans Unterhuber, Vorstandschef der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK), gegenüber dem Tagesspiegel. Er ist der Auffassung, dass mit dem Projekt viel Geld ohne großen Nutzen verschwendet werde.
Der Gesundheitsminister will den Zugriff auf die Akte auch über Smartphone und Tablet ermöglichen. Den Krankenkassen droht er mit Sanktionen, wenn sie den Termin nicht einhalten: Verwaltungsausgaben sollen etwa um 2,5 Prozent gekürzt werden. Für große Kassen würde dies ein Minus von ungefähr 35 Millionen Euro bedeuten, so der Tagesspiegel. Schon allein deswegen werden sie versuchen, bis 2021 ein Produkt auf dem Markt zu haben. Das Problem: Die Kassen glauben nicht daran, dass das Endprodukt in diesem kurzen Zeitraum auch zufriedenstellend ausfallen kann. Die Enttäuschung bei Versicherten sei vorprogrammiert, weil das Angebot am Ende kompliziert und nur eingeschränkt nutzbar sein werde. In einem internen Papier von über neun gesetzlichen Kassen heißt es: „Und für diese Enttäuschung unserer Versicherten werden wir immens viel Geld ausgeben“.
Die Gesundheitskarte werde wohl nur in Deutschland funktionieren und es werde kaum Anbieter geben, die bei einem deutschen Sonderweg mitmachen. Die Bedienung werde kompliziert und auf Mobilgeräten nur Notlösungscharakter haben. Der Chef des Dachverbands der Betriebskrankenkassen, Franz Knieps, sagt, „dass wir bei der elektronischen Patientenakte jetzt nur eine Art Holzmodell basteln, um formal die Verpflichtungen zu erfüllen. Und dass wir uns international damit blamieren werden“. Darüber hinaus will sich kaum ein Unternehmen an der Entwicklung beteiligen. Das aber wohl größte Problem: Eine elektronische Patientenakte ist vor allem für ältere Menschen sinnvoll, die oft mit Ärzten interagieren und gesundheitlich angeschlagen sind. Wichtig wäre also eine einfache, intuitive Nutzbarkeit der Akte. Das System, das sich aktuell in Entwicklung befindet, ist für diese Menschen viel zu kompliziert.
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