Für schulpflichtige Kinder gehört es zur schönsten Zeit des Jahres: die Sommerferien. Sechs Wochen ohne Pauken, Hausaufgaben und allgemeinen Schulstress. Berufstätige Eltern stellt diese Zeit allerdings oft vor große Probleme. Nicht immer gibt es genügend Betreuungsangebote für die Kleinen, den Eltern fehlt es in der freien Zeit an Unterstützung. Diese Umstände wurden jetzt vom Bundeselternrat bemängelt. „Die Ferienzeit stellt für viele Familien eine organisatorische und finanzielle Herausforderung dar“, wird die stellvertretende Vorsitzende, Aline Sommer-Noack, beim Redaktionsnetzwerk Deutschland zitiert.

Konkret geht es um fehlende Betreuungsangebote für die Kinder und die große Diskrepanz zwischen den verfügbaren Urlaubstagen der Eltern und der Ferienlänge. Mit durchschnittlich 30 Urlaubstagen pro Jahr sind die sechs Wochen Sommerferien kaum überbrückbar, „besonders für Alleinerziehende oder Eltern ohne familiäres Netzwerk“, so Sommer-Noack weiter. Deswegen spricht sich der Bundeselternrat jetzt für eine Kürzung der Sommerferien aus.

Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern

Der Vorschlag für eine Reduzierung der Sommerferien hat zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Während Elternverbände diese als „die schwierigste Zeit des Jahres, organisatorisch, emotional und finanziell“ für viele Familien bezeichnen und eine Kürzung für Entlastung sorgen könnte, gibt es auch deutliche Stimmen dagegen. Laut Tobias Lankow, Vorsitzender des Landeselternrats MV, brauchen Kinder eine längere Pause zwischen den Schuljahren. Und auch für den Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Quentin Gärtner, ist dies keine Option: „Das ist die falsche Lösung für ein sehr reales Problem. Viele Familien können es sich nicht leisten, dass ein Elternteil die Arbeitszeit reduziert oder ganz zu Hause bleibt, weil Ferien sind und einer oder eine auf die Kinder aufpassen muss.“ Stattdessen sollte es eine angemessene Ferienbetreuung geben. Schulen könnten dabei mit Jugendzentren, Sportvereinen oder anderen außerschulischen Partner arbeiten, so Gärtner bei der FAZ.

Was die generelle Betreuungssituation in den Ferien betrifft, so sind sich Eltern größtenteils einig: 71 Prozent mit Kindern unter 18 Jahren bewerten das Angebot für Schul- und Kitakinder in den Ferien als zu klein. Das geht laut dem NDR aus einer Umfrage des Instituts Civey im Auftrag des Sozialverbands SoVD hervor. Allerdings gibt es hier regionale Unterschiede. Laut der Befragung sind Eltern in Ostdeutschland mit dem Betreuungsangebot tendenziell zufriedener als die Eltern im westlichen Teil des Landes. Das ist allerdings wenig überraschend, da in den neuen Bundesländern das Hortangebot an Schulen deutlich größer ist als in den alten.

Hitzige Debatte auch in der OHN-Redaktion

Auch in der OHN-Redaktion wurde das Thema der Sommerferien und die Belastung für Eltern hitzig debattiert und förderte verschiedene Meinungen zutage:

Ricarda:

Neulich war ich mit meinem Sohn im Urlaub in der Sächsischen Schweiz – unter anderem in einem alten Bergwerk. Dort arbeiteten früher Kinder ab zehn Jahren. Bis dahin hat mein Sohn zum Glück noch etwas Zeit. Außerdem sind ja Sommerferien … oder?

Dass Elternverbände jetzt fordern, diese zu kürzen, irritiert mich massiv. Viele Erwachsene vergessen offenbar, wie anstrengend der Schulalltag ist. Kinder brauchen Pausen – nicht nur zum Erholen, sondern auch, um einfach Kind zu sein: baden, mit Freunden rumhängen, sich von der Oma mästen lassen.

Und das alles soll gekürzt werden, damit Eltern mehr arbeiten können? Ernsthaft? Gerade jetzt, wo alle von Work-Life-Balance und 4-Tage-Woche reden? Klar, sechs Wochen sind nicht für alle leicht zu organisieren – besonders für Alleinerziehende. Aber vielerorts gibt es großartige Ferienangebote. Und zur Not hilft: Langeweile. Die war schließlich schon immer ein guter Nährboden für Kreativität.

Und genau die ist auch wirklich wichtig. Denn wer ständig bespaßt wird, lernt nie, sich selbst zu beschäftigen. Freie Zeit ist kein Luxus – sie ist der Raum, in dem Kinder Selbstständigkeit und Selbstorganisation lernen.

Sandra:

Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu erkennen: Zwischen der Anzahl schulfreier Tage und dem gesetzlichen Urlaubsanspruch der Eltern klafft eine riesige Lücke. Und dafür muss man nicht einmal alleinerziehend sein.

„Dann kürzen wir eben die Sommerferien“ – dieser Vorschlag wirkt, als würde man ein Leck im Dach mit einem Pflaster flicken. Strukturelle Probleme werden mal wieder auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Besonders in ländlichen Regionen und im westdeutschen Raum fehlen flächendeckende, bezahlbare Ferienangebote fast völlig.

Aber keine Sorge, die Social-Media-Kommentarspalte weiß Rat: „Gib die Kinder doch zu den Großeltern.“ Blöd nur, wenn es keine mehr gibt – oder sie selbst noch arbeiten. „Dann eben zur Verwandtschaft.“ Welche denn? Die Zeiten, in denen man in der Nähe der eigenen Familie lebt, sind vorbei. „Dann muss man sich das mit den Kindern halt vorher überlegen.“ Ernsthaft?

Fazit: Nicht die Sommerferien sind zu lang – sondern das politische Desinteresse an Familien zu tief. Eltern ziehen die Wirtschaftskraft von morgen groß. Das ist keine reine Privatsache, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Es heißt: Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.
Aber dieses Dorf fällt nicht vom Himmel – es muss politisch gewollt, finanziert und aufgebaut werden.

Corinna:

Eines gleich vorweg: Meine Tochter ist erst vier und somit habe ich noch kein eigenes schulpflichtiges Kind, dafür aber Nichten und Neffen, die bereits die Schule besuchen. Meiner Meinung nach würde eine Verkürzung der Schulferien sich nicht nur negativ auf die mentale Gesundheit der Kinder auswirken, sondern auch deren Selbstständigkeit hindern. Der Stress und Druck, den Kinder in der heutigen Zeit bereits in der Grundschule ausgesetzt sind, ist nach meinem Empfinden in den letzten Jahren massiv gestiegen. Nach den regulären Schulstunden warten zahlreiche Hausaufgaben auf die Kinder. Das bisschen Freizeit, was dann noch bleibt, wird oft mit Aktivitäten wie Sport, Musikschule oder Ähnlichem gefüllt. Für wirkliches Spielen, Freunde treffen und einfach mal Faulenzen bleibt da kaum Zeit. 

Dafür gibt es eben Ferien. Hier können die Kleinen von früh bis spät draußen rumstromern, neue Sachen entdecken und einfach mal die Seele baumeln lassen. Eine Zeit, in der man nicht ständigem Lerndruck ausgesetzt ist, halte ich für enorm wichtig und sollte nicht eingekürzt werden. 

Auch ich bin mit zwei berufstätigen Eltern aufgewachsen und ich musste mich von klein auf in vier der sechs Sommerferienwochen tagsüber kümmern. Allerdings fand ich diese Zeit nie schlimm. Im Gegenteil bin ich der Meinung, dass es mich frühzeitig Selbstständigkeit gelehrt hat. Eine Eigenschaft, die nie fehl am Platz ist. 

Zusätzlich finde ich die Debatte rund um Kinderbetreuung für uns in Deutschland von einem sehr privilegierten Standpunkt aus geführt. Schaut man sich andere Länder an, stehen wir sehr gut dar. Verglichen beispielsweise mit England – dem Land, aus dem der Vater meiner Tochter stammt – haben wir von klein auf eine hervorragende Kinderbetreuung. Auf der Insel gibt es keine Kinderkrippen oder einen Kindergarten wie bei uns, und schon gar nicht für den Preis. Sicherlich gibt es private Betreuungsangebote, deren Kosten allerdings gerne mal im vierstelligen Bereich liegen. Kostenlose Kinderbetreuung, wie es in Berlin der Fall ist? Davon können Eltern in England nur träumen. Und auch wenn dort die Schule bereits mit vier Jahren beginnt, gibt es während der Schulferien keinen generellen Hort, der über die Schulen angeboten wird. Ähnlich wie bei Kindergärten, gibt es sehr kostspielige private Möglichkeiten, das Kind für ein paar Stunden betreuen zu lassen. Alles natürlich eine Frage des Geldes.

Während ich es sehr gut verstehen kann, dass die sechs Wochen Sommerferien für viele Eltern und besonders Alleinerziehende schwierig sein können, bin ich dennoch der Meinung, dass es für Kinder zum erheblichen Nachteil wäre, diese zu kürzen.

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