Am 31. Juli 2026 tritt in Deutschland das Recht auf Reparatur in Kraft, ein Gesetz, das nicht nur für Verbraucher, sondern auch für den Handel weitreichende Folgen haben wird. Hersteller müssen künftig Ersatzteile und Reparaturanleitungen bereitstellen, die Reparierbarkeit von Produkten wird transparenter. Für Händler stellt sich die Frage: Wird das neue Recht das Geschäft mit Neuware schwächen oder eröffnet es neue Chancen im Bereich Reparatur und Refurbishment?
Wir haben mit Dr. Philipp Gattner, CEO von rebuy, Deutschlands größtem Refurbisher, über die geplanten Regelungen gesprochen. Im Interview erklärt er, welche konkreten Veränderungen er für den Handel erwartet, warum er das Recht auf Reparatur als Chance begreift und wie sich der Markt für wiederaufbereitete Produkte in den kommenden Jahren entwickeln wird.
Wie bewerten Sie als CEO des größten deutschen Refurbishers die geplanten Regelungen?
„Ich halte das Recht auf Reparatur für einen wichtigen und längst überfälligen Schritt. Für die Kreislaufwirtschaft ist das ein starkes Signal. Entscheidend ist jetzt, dass die Regeln ab dem 31. Juli 2026 nicht nur auf dem Papier gelten, sondern in der Praxis wirklich dazu führen, dass Geräte länger genutzt und einfacher repariert werden können.“
Sehen Sie das Recht auf Reparatur eher als Konkurrenz oder als Ergänzung zum Refurbishment-Geschäft? Welche konkreten Veränderungen erwarten Sie für Ihr Geschäftsmodell?
„Ich sehe das ganz klar als Ergänzung. Wir könnten heute schon deutlich mehr Produkte reparieren, wenn wir leichter an passende Ersatzteile kämen. Wenn das Recht auf Reparatur hier spürbare Verbesserungen bringt, können wir mehr Geräte aufbereiten, länger im Kreislauf halten und unser Angebot an hochwertiger Refurbished-Elektronik weiter ausbauen.“
„Wir haben im vergangenen Jahr mehr als 10 Millionen Produkte verkauft“
Könnte das Recht auf Reparatur den Second-Hand- und Refurbished-Markt langfristig stärken? Welche Chancen ergeben sich konkret für Ihr Unternehmen?
„Ja, davon bin ich überzeugt. Eine bessere Reparierbarkeit vergrößert das Angebot an wiederaufbereiteten Geräten ganz unmittelbar. Für uns heißt das: mehr Produkte können gerettet, professionell aufbereitet und wieder verkauft werden. Davon profitieren Unternehmen wie wir, vor allem aber die Umwelt und ihre Ressourcen.“
Glauben Sie, dass künftig tatsächlich mehr Geräte repariert statt ersetzt werden oder bleibt das eher Theorie?
„Ich glaube nicht, dass das bloße Theorie bleibt. Die steigende Nachfrage ist schon heute real, und das sehen wir bei rebuy sehr konkret. Wir sind seit 2019 profitabel, unser Umsatz ist 2025 um 9 Prozent auf 243 Millionen Euro gewachsen. Wir haben im vergangenen Jahr mehr als 10 Millionen gebrauchte Produkte verkauft! Das zeigt ziemlich klar, dass immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher bereit sind, sich auf gebrauchte und wiederaufbereitete Produkte einzulassen.
Gleichzeitig wird mehr repariert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sobald Reparaturen einfacher, günstiger und verlässlicher werden, wird das diesen Trend aus meiner Sicht zusätzlich verstärken.“
Welche Produktkategorien werden aus Ihrer Sicht besonders von der neuen Regelung betroffen sein und wo sehen Sie die größten Chancen für die Kreislaufwirtschaft?
„Die größten Chancen sehe ich bei Smartphones und Tablets. Gerade dort scheitert die Wiederaufbereitung oft nicht an schweren Schäden, sondern an der Bauweise. Verklebte Komponenten führen zum Beispiel dazu, dass wir Geräte trotz nur geringer Defekte nicht reparieren können. Ein gut sichtbarer Reparaturindex und klare Informationen über Reparierbarkeit, Ersatzteile und Reparaturkosten würden Kaufentscheidungen spürbar beeinflussen und mehr Geräte im Kreislauf halten.”
„Die größte Herausforderung für Händler wird sein, dass Reparaturen nicht an fehlenden Teilen oder zu hohen Kosten scheitern“
Hersteller müssen künftig Reparaturanleitungen und Ersatzteile bereitstellen. Halten Sie die geplanten Vorgaben für praxistauglich? Was wird die größte Herausforderung für Händler?
„Die Richtung stimmt. Entscheidend ist aber, dass Ersatzteile nicht nur formal verfügbar sind, sondern auch bezahlbar und praktikabel zugänglich. Aus meiner Sicht kommt es auf drei Punkte an: reparaturfreundliches Design, verfügbare Ersatzteile und wirtschaftlich sinnvolle Preise. Die größte Herausforderung für Händler wird sein, dass Reparaturen nicht an fehlenden Teilen oder zu hohen Kosten scheitern. Klare Informationen und Reparaturanleitungen können dabei helfen, mehr Geräte erfolgreich im Markt zu halten.”
Wie schätzen Sie die Bereitschaft deutscher Verbraucher ein, Produkte tatsächlich reparieren zu lassen statt neu zu kaufen?
„Die Bereitschaft ist grundsätzlich da, aber sie hängt stark am Preis und an der Einfachheit. Unsere Umfragen zeigen, dass moderate und nachvollziehbare Kosten ein zentraler Hebel sind. Viele Menschen sind offen für Reparatur, brauchen dafür aber faire Preise, gute Orientierung und das Gefühl, dass sich der Aufwand wirklich lohnt.“
„Haltbarkeit und Reparierbarkeit müssen zum Standard werden, nicht zur Ausnahme“
Welche weiteren gesetzlichen Schritte wären aus Ihrer Sicht notwendig, um die Kreislaufwirtschaft wirklich voranzubringen?
„Wir brauchen mehr Tempo bei der nationalen Umsetzung und insgesamt klarere Leitplanken. Wichtig sind aus meiner Sicht ein gut sichtbarer Reparaturindex, mehr Transparenz über Haltbarkeit und Reparaturkosten sowie stärkerer Druck auf Hersteller, Produkte reparierbar zu gestalten. Haltbarkeit und Reparierbarkeit müssen zum Standard werden, nicht zur Ausnahme.“
Wie wird sich der Markt für Refurbishment und Reparatur in den nächsten 3 bis 5 Jahren entwickeln, insbesondere nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes?
„Ich erwarte, dass der Markt weiter wächst. Wir rechnen bei rebuy mit einer Umsatzverdoppelung in den nächsten 5 Jahren. Wir sehen schon heute anhaltendes Wachstumspotenzial im Re-Commerce, und politische Maßnahmen wie das Recht auf Reparatur können diese Entwicklung zusätzlich beschleunigen. Wenn Produkte reparaturfreundlicher werden und Ersatzteile leichter verfügbar sind, stärkt das die Akzeptanz von Second-Hand und vergrößert zugleich den Markt für professionelle Wiederaufbereitung.“
Vielen Dank für das Gespräch!
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