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Noch ein One-Stop-Shop: EU-Mehrwertsteuerreform sorgt für Kritik

Veröffentlicht: 20.03.2025
imgAktualisierung: 20.03.2025
Geschrieben von: Christoph Pech
Lesezeit: ca. 4 Min.
20.03.2025
img 20.03.2025
ca. 4 Min.
Steuerberater am Schreibtisch mit Unterlagen und Taschenrechner
AndreyPopov / Depositphotos.com
Die neuen EU-Mehrwertsteuerregeln sorgen für Aufregung. Die Idee ist gut, aber die Umsetzung dürfte noch für Probleme sorgen.


Mit der neuen Mehrwertsteuerregelung will die EU Marktplätze mehr in die Pflicht nehmen, kleine Online-Händler entlasten, gleichzeitig Betrug bekämpfen und die Digitalisierung vorantreiben. Das sind hehre Ziele. Ob diese aber auch erreicht werden, ist offen, denn was in der Theorie gut klingt, dürfte in der Praxis wie so oft noch für einiges Kopfzerbrechen sorgen. Nicht umsonst plant die EU hier langfristig.

Grundsätzlich ist eine Renovierung der Mehrwertsteuerregeln im grenzüberschreitenden Handel überfällig. Steuerexperte Roger Gothmann von Taxdoo verrät im Interview, worauf sich Händler:innen in Zukunft einstellen müssen, warum noch ein One-Stop-Shop nicht unbedingt die beste Idee ist und welche Stellschrauben der Pläne noch für Fragezeichen sorgen dürften.

Sinkende Hürden

OHN: Vielleicht erstmal positiv: Was ist gut an der neuen EU-Mehrwertsteuerrichtlinie?

Roger Gothmann: Wer als Online-Händler international verkauft und das Thema Umsatzsteuer sicher und effizient lösen will, weiß, wie kompliziert die Regeln dafür sind. Das wird mit der neuen EU-Mehrwertsteuerrichtlinie einfacher. Wer z. B. aktuell auf ein grenzüberschreitendes Fulfillment, wie z. B. Amazon Pan EU, CEE oder Zalando Fulfillment setzt, wird bald keine lokalen steuerlichen Registrierungen im EU-Ausland benötigen und damit einiges an laufenden Kosten sparen. Die Hürden für den internationalen Versand sinken also.

Die Richtlinie soll Marktplätze in die Pflicht nehmen und kleine Online-Händler entlasten. Ist davon auszugehen, dass das klappt?

Gothmann: Die Entlastung kleiner Online-Händler ist positiv hervorzuheben. Wir werden darauf gleich noch beim Thema One-Stop-Shop eingehen. Da bin ich auch positiv gestimmt, dass das funktionieren wird. Die erweiterten Pflichten der Marktplätze werden leider nicht so kommen, wie es angedacht war. Während der jahrelangen Verhandlungen zur neuen EU-Richtlinie stand zur Disposition, dass Marktplätze zukünftig immer die Umsatzsteuer für alle Online-Händler abführen. Das wäre für viele – gerade international tätige Händler – eine enorme Erleichterung gewesen. Allerdings hätte es auch große Marktplätze, wie z. B. Amazon, im Verhältnis zu den kleineren Marktplätzen bevorteilt, weil die Umsetzung mit einem hohen finanziellen und technischen Aufwand verbunden ist. Viele kleinere Marktplätze wären daran vermutlich gescheitert, sodass es diese Neuregelung auch aus wettbewerbsrechtlichen Aspekten in den letzten Verhandlungsrunden nicht in die neue Richtlinie geschafft hat.

OSS mal vier

Mehrwertsteuermeldepflichten für grenzüberschreitende Transaktionen sollen mit einem Mehrwertsteuer-One-Stop-Shop vollständig digitalisiert werden, dabei soll jede grenzüberschreitende Transaktion in Echtzeit digital gemeldet werden. Das klingt jetzt nicht unbedingt nach weniger Aufwand.

Gothmann: Das klingt auf den ersten Blick einfacher, als es tatsächlich wird. Den One-Stop-Shop haben wir ja bereits seit dem 1. Juli 2021. Dieser greift aktuell nur für eine einzige Transaktionsart: internationale B2C-Verkäufe innerhalb der EU. Wer Warenlager von Amazon oder Zalando im EU-Ausland nutzt, der weiß: Da kommt man mit dem OSS nicht weit. Man braucht immer noch zusätzlich in jedem Lager-Staat eine lokale steuerliche Registrierung und einen lokalen steuerlichen Vertreter. 

Das wird ab dem 1. Juli 2028 wegfallen. Dann wird es insgesamt vier One-Stop-Shops geben, über die die Händler dann die restlichen Transaktionen im EU-Ausland melden können. Der lokale Steuerberater im EU-Ausland fällt zwar weg. Allerdings muss man dann vier OSSe orchestrieren. Wer aktuell schon bei dem einen merkt, wie aufwändig das sein kann, der wird diesen Aufwand ab Mitte 2028 also in vierfacher Form haben. Warum eigentlich vier OSSe? Die Antwort ist einfach: Die Finanzverwaltung kann faktisch immer nur eine Transaktionsart pro One-Stop-Shop abbilden.

Die Meldungen in Echtzeit sollen in einer Phase zwischen 2030 und 2032 umgesetzt werden. Wir sprechen hier also über fünf bis sieben Jahre – Stand heute.

OSS mal vier:

  • internationale B2C-Verkäufe innerhalb der EU (gibt es schon seit dem 1. Juli 2021)
  • lokale Verkäufe im EU-Ausland (z. B. aus einem Amazon-Lager in Frankreich an einen französischen Endverbraucher)
  • innergemeinschaftliche Verbringungen (also die Warenumlagerungen zwischen den Amazon-Lagern)
  • Vorsteuer

Mit den Neuerungen soll auch Mehrwertsteuerbetrug bekämpft werden. Wie soll das funktionieren?

Gothmann: Dreh- und Angelpunkt ist die Meldung der Transaktionsdaten in quasi Echtzeit an die Finanzverwaltung. Wenn es der Verwaltung gelingen sollte, auf diese gewaltigen Datenströme ein automatisiertes Risikocontrolling aufzusetzen, könnte sie fast in Echtzeit Steuerbetrug im E-Commerce identifizieren. Das klingt zu gut, um wahr zu sein? Ja, vermutlich ist es das. Warum? Alle großen Marktplätze von Airbnb, Amazon, Ebay bis Zalando müssen bereits seit 2023 umfassende Transaktions- und Zahlungsdaten einmal im Jahr an die Finanzbehörden (in Deutschland das BZSt) melden. Wirklich etwas mit den Daten gemacht hat dort niemand. Die verstauben dort gerade mehr oder weniger, weil die Technologie dafür und vor allem die Spezialisten für die Auswertungen fehlen. Die arbeiten lieber für das x-fache Gehalt bei Google, OpenAI oder Microsoft.

Absolute Großprojekte

Die Aktualisierung der Mehrwertsteuerrichtlinie ist bereits seit 2022 in Planung, ab 2030 sollen die neuen Regeln gelten – 8 Jahre für ein vermeintlich einfacheres Mehrwertsteuerverfahren. Warum dauert das so lange?

Gothmann: Die Finanzverwaltung muss die dafür erforderlichen elektronischen Plattformen und Schnittstellen bauen. Das sind aus ihrer Sicht absolute Großprojekte, die diese Zeit brauchen werden. Ich würde sogar behaupten, dass die Finanzverwaltung aufgrund der Komplexität und der gewaltigen Datenmengen hier Neuland betritt, sodass ich nicht darauf wetten würde, dass 2030 bzw. 2032 in Stein gemeißelt sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 20.03.2025
img Letzte Aktualisierung: 20.03.2025
Lesezeit: ca. 4 Min.
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Christoph Pech

Christoph Pech

Christoph schreibt über KI, digitale Innovationen und Payment-Lösungen – immer mit einem Blick auf smarte Technologien.

KOMMENTARE
6 Kommentare
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RG
24.03.2025

Antworten

Einfache Frage: Wieso sollten sich einzelne EU-Länder bemühen, Geld in die IT zu stecken um das neue System umzusetzen, wenn am Ende die erfassten Auslandssteuern alle ins EU-Ausland abfließen? Ausgaben für nichts? Warum wich man vom ursprünglichen System vor OSS eigentlich ab?
Jens
21.03.2025

Antworten

OSS ist bis heute - also seit 2021 immer noch nicht digitalisiert. Wir können davon ausgehen, dass vier OSSe auch nicht digital sein werden. Denkt an mich, wenn es soweit ist: Wir werden (wie aktuell auch) halb-manuell erzeugte pdf Daten an die Finanzämter senden müssen, weil diese nichts anderes empfangen können. Das mit dem fehlenden Personal in der IT halte ich für eine schwache Ausrede. Der Wille ist gar nicht da - man möchte zwar die Mehreinnahmen, aber die Kosten dafür nicht tragen. Lieber schickt man das Geld an Lobbyisten und ins Ausland um Krieg zu spielen.
Markus
21.03.2025

Antworten

Ich sehe hier keine Entlastung, eher weitere Belastungen für die Wirtschaft und vor allem kleine Onlinehändler! Unsere Politiker und explizit die in der EU sind eine absolute Lachnummer! Google, Microsoft, OpenAI etc. werden übrigens den "Spezialisten" IMMER mehr zahlen als ihr Nixkönner :-D
Andree
21.03.2025

Antworten

Die Plattformen können nicht einmal den Preis entsprechend der Mehrwertsteuer im Empfangsland anpassen. Und was viel wichtiger wäre: Dieser Wust ein Verpackungsregistrierungen, oder eben nicht, mit Beauftragtem und den Meldungen. Kompletter Wahnsinn.
K.I
21.03.2025
Meinung: Verpackungsregistrierungen im EU Ausland wurden erfunden von Lobbyisten und der Müllmafia. Das ganze empfinden wir als Betrug am Onlinehändler! Wir versenden nur noch in 3 EU Länder. Das ganze ist mit Hilfe der EU Politiker ausgeufert - Die sind auch kein Fachpersonal! Genau wie die Elektrogesetze und einzelnen Piktogramme die auf Verpackungen gedruckt werden müssen! Es ist nur noch grausam und zeigt die Willenlosigkeit eine EU der einheitlichen Regelungen zu sein!
cf
21.03.2025

Antworten

Meinung: Und dann kommt vermutlich der Datenschutz oder sonst eine Regel, so dass die Finanzverwaltungen die Daten nicht zusammenführen dürfen - und damit scheitert dann alles. Aber auch bei der CSRD oder im Lieferkettengesetz ist es ja schon so: Es müssen hunderte von Kennzahlen und auch Freitexte gemeldet werden, die sich niemals jemand ansieht. Aber Hauptsache man beschäftigt die Unternehmen und man hat irgendwelche Daten. Das wird die Welt retten....