Die schwarz-rote Koalition will mit einer strikten Attestpflicht ab dem ersten Tag und der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung die hohen Fehlzeiten in Deutschland senken. Doch das Vorhaben löst nicht nur bei den Beschäftigten, deren Krankenzeiten nicht ernst genommen werden, eine Welle des Protests aus. Neben Wirtschaftsforschern schlagen auch Hausärzte Alarm: Die Reform sei praxisfern, erzeuge reine Bürokratie und könnte die Krankheitswellen in Betrieben durch verstopfte Wartezimmer erst recht befeuern.
Wenn der Arztbesuch zum Infektionsherd wird
Die geplante Neuregelung sorgt bei medizinischen Verbänden für Entsetzen. Wie die Nachrichtenagentur dpa-AFX berichtet, bezeichnet Petra Reis-Berkowicz vom Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverband das Vorhaben als „reinen politischen Aktionismus“, der völlig an der Realität vorbeigehe.
Besonders in den herbstlichen Infektwellen drohe eine totale Überlastung der Praxen, da Ressourcen für bürokratische Atteste statt für chronisch Kranke blockiert würden. Das deckt sich mit den Warnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Ökonom Daniel Graeber betont ebenfalls, dass die Pflicht zum Praxisbesuch bei leichten Infekten die Ansteckungsgefahr in den Wartezimmern für alle Beteiligten massiv erhöht.
„Das ist sowas von sinnfrei, wir sind entsetzt und können nur den Kopf schütteln, was in den Köpfen dieser Politiker vorgeht, die am realen Leben ja gar nicht mehr teilnehmen.“
– Vize-Vorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Petra Reis-Berkowicz
Bürokratie statt Genesung fördert den Präsentismus
Wer erkältet ist und sich einen oder zwei Karenztage krank meldet, ist im besten Falle rasch wieder fit und einsatzbereit. Wer trotz Erkältung den Gang in die überlastete Praxis scheut, schleppt sich oft krank zur Arbeit. Die Folge ist gefährlicher Präsentismus. Die Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Anja Piel, warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass das Arbeiten trotz Krankheit die Produktivität massiv senke und chronische Leiden begünstige. Nicht zuletzt steckt der kranke Mitarbeiter dann noch den Rest der Belegschaft an.
Hausärztin Reis-Berkowicz nennt den Versuch, den Krankenstand so zu drücken, im Bayerischen Rundfunk eine „Illusion“ und schlicht „sinnfrei“. Symptome ließen sich am Telefon genauso gut schildern, ohne das Praxispersonal oder andere Patientinnen und Patienten im Wartezimmer zu gefährden.
Die wahre Ursache für hohe Fehlzeiten liegt woanders
Das Argument der Politik, die telefonische Krankschreibung lade zum Missbrauch ein, lässt sich schlussendlich wohl eher unter der Kategorie „Merzsplaining“ einfügen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rechtfertigte das härtere Durchgreifen mit den ausufernden Fehlzeiten im Land. Deutschland könne es sich schlicht nicht länger leisten, sich mit derart „exorbitanten“ Krankenständen abzufinden.
Laut DIW-Analysen auf Basis von Barmer-Krankenkassendaten machen telefonische Meldungen nur rund ein Prozent aller Fälle aus, ein statistischer Missbrauch sei nicht erkennbar. Die Fachwelt ist sich einig: Der scheinbare Anstieg der Krankmeldungen resultiert primär aus der lückenlosen Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sowie einer Zunahme von Langzeiterkrankungen wie psychischen Leiden oder Muskel-Skelett-Beschwerden. Es gebe keine wissenschaftliche Grundlage, die nachweise, dass eine AU ab dem ersten Tag zu einem niedrigeren Krankenstand führe. Eine Verschärfung bekämpft somit möglicherweise noch nicht mal die Symptome, und schon gar nicht die Ursachen.
Die Vorhaben sollen nun im Gesetzgebungsverfahren ausgestaltet werden.
Artikelbild: http://www.depositphotos.com
Yvonne Bachmann
Yvonne bringt juristische Klarheit in komplexe Fragen – zu Abmahnungen, EU-Recht, Wettbewerbsregeln und Urheberrechtsfragen.
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