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Krankschreibung ab Tag eins: Hausärzte und Ökonomen fürchten Praxis-Kollaps auf Rezept

Veröffentlicht: 07.07.2026
imgAktualisierung: 07.07.2026
Geschrieben von: Yvonne Bachmann
Lesezeit: ca. 3 Min.
07.07.2026
img 07.07.2026
ca. 3 Min.
Tee, Medikamente, Taschentücher
belchonock / Depositphotos.com
Die Pläne für strengere Krankschreibungsregeln ernten Kritik. Ökonomen und Hausärzte warnen vor mehr statt weniger Fehltagen.


Die schwarz-rote Koalition will mit einer strikten Attestpflicht ab dem ersten Tag und der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung die hohen Fehlzeiten in Deutschland senken. Doch das Vorhaben löst nicht nur bei den Beschäftigten, deren Krankenzeiten nicht ernst genommen werden, eine Welle des Protests aus. Neben Wirtschaftsforschern schlagen auch Hausärzte Alarm: Die Reform sei praxisfern, erzeuge reine Bürokratie und könnte die Krankheitswellen in Betrieben durch verstopfte Wartezimmer erst recht befeuern.

Wenn der Arztbesuch zum Infektionsherd wird

Die geplante Neuregelung sorgt bei medizinischen Verbänden für Entsetzen. Wie die Nachrichtenagentur dpa-AFX berichtet, bezeichnet Petra Reis-Berkowicz vom Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverband das Vorhaben als „reinen politischen Aktionismus“, der völlig an der Realität vorbeigehe.

Besonders in den herbstlichen Infektwellen drohe eine totale Überlastung der Praxen, da Ressourcen für bürokratische Atteste statt für chronisch Kranke blockiert würden. Das deckt sich mit den Warnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Ökonom Daniel Graeber betont ebenfalls, dass die Pflicht zum Praxisbesuch bei leichten Infekten die Ansteckungsgefahr in den Wartezimmern für alle Beteiligten massiv erhöht.

„Das ist sowas von sinnfrei, wir sind entsetzt und können nur den Kopf schütteln, was in den Köpfen dieser Politiker vorgeht, die am realen Leben ja gar nicht mehr teilnehmen.“
– Vize-Vorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Petra Reis-Berkowicz

Bürokratie statt Genesung fördert den Präsentismus

Wer erkältet ist und sich einen oder zwei Karenztage krank meldet, ist im besten Falle rasch wieder fit und einsatzbereit. Wer trotz Erkältung den Gang in die überlastete Praxis scheut, schleppt sich oft krank zur Arbeit. Die Folge ist gefährlicher Präsentismus. Die Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Anja Piel, warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass das Arbeiten trotz Krankheit die Produktivität massiv senke und chronische Leiden begünstige. Nicht zuletzt steckt der kranke Mitarbeiter dann noch den Rest der Belegschaft an.

Hausärztin Reis-Berkowicz nennt den Versuch, den Krankenstand so zu drücken, im Bayerischen Rundfunk eine „Illusion“ und schlicht „sinnfrei“. Symptome ließen sich am Telefon genauso gut schildern, ohne das Praxispersonal oder andere Patientinnen und Patienten im Wartezimmer zu gefährden.

Die wahre Ursache für hohe Fehlzeiten liegt woanders

Das Argument der Politik, die telefonische Krankschreibung lade zum Missbrauch ein, lässt sich schlussendlich wohl eher unter der Kategorie „Merzsplaining“ einfügen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rechtfertigte das härtere Durchgreifen mit den ausufernden Fehlzeiten im Land. Deutschland könne es sich schlicht nicht länger leisten, sich mit derart „exorbitanten“ Krankenständen abzufinden.

Laut DIW-Analysen auf Basis von Barmer-Krankenkassendaten machen telefonische Meldungen nur rund ein Prozent aller Fälle aus, ein statistischer Missbrauch sei nicht erkennbar. Die Fachwelt ist sich einig: Der scheinbare Anstieg der Krankmeldungen resultiert primär aus der lückenlosen Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sowie einer Zunahme von Langzeiterkrankungen wie psychischen Leiden oder Muskel-Skelett-Beschwerden. Es gebe keine wissenschaftliche Grundlage, die nachweise, dass eine AU ab dem ersten Tag zu einem niedrigeren Krankenstand führe. Eine Verschärfung bekämpft somit möglicherweise noch nicht mal die Symptome, und schon gar nicht die Ursachen.

Die Vorhaben sollen nun im Gesetzgebungsverfahren ausgestaltet werden.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 07.07.2026
img Letzte Aktualisierung: 07.07.2026
Lesezeit: ca. 3 Min.
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Yvonne Bachmann

Yvonne Bachmann

Yvonne bringt juristische Klarheit in komplexe Fragen – zu Abmahnungen, EU-Recht, Wettbewerbsregeln und Urheberrechtsfragen.

KOMMENTARE
3 Kommentare
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Christof
08.07.2026

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Die genannten Vorschläge tragen aus meiner Sicht nicht zur Lösung des Problems bei. Vielleicht ist es an der Zeit, das Thema Lohnfortzahlung im Krankheitsfall neu zu diskutieren. Niemand stellt infrage, dass wirklich kranke Menschen Zeit zur Genesung brauchen. Das ist wichtig und richtig. Gleichzeitig tragen Arbeitgeber bei jeder Krankmeldung die Kosten der Entgeltfortzahlung – unabhängig davon, ob die Erkrankung nach einem oder nach sieben Tagen ausgestanden ist. Ein denkbarer und zielführender Ansatz wäre, die Kosten für den ersten Tag den Arbeitnehmer übernehmen zu lassen oder zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufzuteilen. Das würde das Bewusstsein auf beiden Seiten stärken und könnte dazu beitragen, Fehlanreize zu reduzieren. Ebenso würde ich mir wünschen, dass Ärzte häufiger zunächst für zwei oder drei Tage krankschreiben und anschließend – wenn nötig – einen Kontrolltermin vereinbaren. Nicht jede Erkrankung erfordert von Anfang an eine einwöchige Arbeitsunfähigkeit! Eine engmaschigere Überprüfung könnte in vielen Fällen dazu beitragen, dass Menschen früher wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Es geht dabei nicht darum, kranke Menschen unter Druck zu setzen. Es geht um einen verantwortungsvollen Umgang mit einem System, das für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen tragbar bleiben muss.
H.B.
08.07.2026

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Damit würde sich nicht viel ändern. Als ich noch Arbeitnehmer war, musste man auch ab dem ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und es gab keine Epidemien durch verseuchte Wartezimmer
Aisteg
08.07.2026

Antworten

Das ist so eine Nonsens Diskussion, unglaublich: Wir haben seit 20 (!) Jahren in unseren Arbeitsverträgen: Krankschreibung vom Arzt ab dem 1. Tag. Die Möglichkeit gab es schon immer für Betriebe. Mache Kollegen kommen erst am zweiten oder dritten Tag in die Arztpraxis, dann schreib der Arzt immer rückwirkend Krank - Wo ist das Problem. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft aber macht nur ca. 1% der Krankschreibungen aus? Dann sollte es ja auch keinen Interessieren. Die Mitarbeiter dürfen alles aber als AG darf man fast nichts. Mal sehen wie weit das noch so geht.