Retouren kosten Millionen – könnten aber sogar ein Profithebel sein

Veröffentlicht: 20.03.2026
imgAktualisierung: 20.03.2026
Geschrieben von: Christoph Pech
Lesezeit: ca. 4 Min.
20.03.2026
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Retouren sind teuer und aufwändig: Warum die reine Retourenquote aber zu kurz greift und welches Potenzial in der Kostenanalyse steckt.


Retouren werden im Online-Handel meist über die Quote gesteuert. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht greift das zu kurz, sagt Svanja Kleemann, Co-Founderin und CEO von Retectives: Entscheidend sind die Gesamtkosten pro Retoure. Im Fashion-E-Commerce liegen sie im Schnitt bei 20 bis 25 Euro je Paket – verteilt auf Versand, Prozesse, Material sowie vor allem Wertverlust durch spätere Wiederverkäuflichkeit. Im Interview erklärt Kleemann, warum man Retouren sogar als Umsatzhebel begreifen sollte.

Retouren: Nicht nur auf die Quote schauen

Händlerbund: Im E-Commerce wird intensiv über Conversions und Traffic gesprochen, Retouren werden aber meist nur auf ihre Quote reduziert. Warum ist das so?

Svanja Kleemann: Im E-Commerce sind viele Steuerungslogiken historisch stark wachstumsgetrieben. Entsprechend stehen Kennzahlen wie Traffic, Conversion oder Warenkorb im Mittelpunkt. Retouren werden dagegen häufig nur über eine einzige Kennzahl betrachtet: die Retourenquote.

Das Problem daran ist, dass die Quote allein wenig über die wirtschaftliche Realität aussagt. Sie zeigt zwar, wie viele Bestellungen zurückgesendet werden – aber nicht, welche Kosten dadurch entstehen.

Dadurch bleibt die wirtschaftliche Dimension von Retouren im Tagesgeschäft oft unscharf.

Viele Händler betrachten Retouren als UX- oder Operativthema. Warum greift diese Sichtweise zu kurz?

Diese Sichtweise greift zu kurz, weil sie Retouren auf einzelne Ursachen oder Abteilungen reduziert. In der Praxis sind Retouren jedoch ein systemisches Thema, das den gesamten E-Commerce-Prozess betrifft – vom Produkt über die Darstellung im Shop bis hin zu Logistik und Post-Order-Prozessen.

Wenn Retouren ausschließlich als UX-Thema betrachtet werden, konzentriert man sich beispielsweise auf Produktbilder oder Größenberatung. Das sind wichtige Stellschrauben, aber nur ein Teil des Gesamtbilds.

Die wirtschaftliche Wirkung von Retourenoptimierung hängt vor allem davon ab, ob Unternehmen Transparenz über die tatsächlichen Kosten haben, Retouren datenbasiert und ganzheitlich über alle relevanten Bereiche hinweg analysieren, alle Maßnahmen kennen, diese richtig priorisieren und in der Umsetzung korrekt ausgestalten. Ohne diese Perspektive bleiben viele Potenziale ungenutzt.

Hohe versteckte Kosten

Du sagst, Retouren seien kein „weicher KPI“, sondern ein direkter Profitkiller – wo genau entstehen die größten versteckten Kosten?

Eine Retoure verursacht im Fashion-E-Commerce im Durchschnitt rund 20 bis 25 Euro Kosten pro Paket. Diese entstehen entlang der gesamten Rücksende-Kette.

Wirtschaftlich lassen sich die Kosten grob in vier Bereiche einteilen: Versand, Prozess, Material und Wertverlust.

Zum einen entstehen Versandkosten durch den Rücktransport der Ware zum Händler sowie gegebenenfalls durch einen erneuten Versand bei Umtausch.

Hinzu kommen Prozesskosten entlang der Bearbeitung der Retoure – etwa durch Wareneingangsprüfung, Aufbereitung und Wiedereinlagerung im Lager. Auch außerhalb der Logistik entstehen Aufwände, beispielsweise durch Serviceanfragen zur Retoure, Reklamationen oder Rückerstattungen, die vom Customer Service bearbeitet werden müssen. Darüber hinaus fallen teilweise Transaktionskosten in der Zahlungsabwicklung an, etwa bei Rückerstattungen über Payment-Provider.

Ein weiterer Teil entfällt auf Materialkosten, etwa für Verpackung oder Versandlabels.

Besonders relevant ist schließlich der Wertverlust der Ware. Wenn Artikel durch eine Retoure verspätet wieder verkaufsfähig sind, sinkt oft der erzielbare Preis – etwa wegen Saisonalität oder notwendiger Rabattierungen. Hinzu kommen Verluste durch verschmutzte oder beschädigte Ware, verlorene Rücksendungen oder missbräuchliche Retouren, etwa wenn Pakete leer oder mit falschem Inhalt zurückgesendet werden. In der Praxis zeigt sich dabei immer wieder, dass Wertverluste und verzögerte Wiederverkäuflichkeit der Ware erheblich unterschätzt werden. 

Ein weiterer wirtschaftlicher Effekt ist Kapitalbindung: Das Geld wurde dem Kunden bereits zurückerstattet, während die Ware erst wieder verkauft werden muss. Gerade bei hohen Retourenquoten bindet das erhebliche Liquidität im Warenbestand.

Wie groß die wirtschaftliche Dimension ist, zeigt ein Beispiel: Ein Händler mit 250 Mio. Euro Nettoumsatz, 150 Euro durchschnittlichem Warenkorb und 50 Prozent Alpha-Retourenquote verursacht bei 20–25 Euro Kosten pro Retoure jährliche Retourenkosten von rund 33 bis 42 Mio. Euro. Jeder Euro weniger Retourenkosten schlägt sich dabei direkt als zusätzlicher Ergebnisbeitrag nieder.

Im Modebereich sprechen wir von 20–25 Euro Kosten pro Retoure. Warum sind diese Kosten in vielen Unternehmen kaum transparent im Reporting sichtbar?

Der Hauptgrund ist, dass sich die Kosten einer Retoure über viele verschiedene Kostenstellen verteilen.

Svanja Kleemann Ein Teil entsteht in der Logistik, ein anderer im Customer Service, weitere Effekte zeigen sich in der Zahlungsabwicklung, im Warenbestand oder in Form von Preisabschlägen und Abschriften. Im Reporting tauchen diese Kosten deshalb häufig fragmentiert in unterschiedlichen Budgets auf – statt als klarer, konsolidierter Kostenblock „Retouren“.

Das führt dazu, dass viele Unternehmen ihre Retourenquote sehr genau kennen, aber deutlich weniger Transparenz über die tatsächlichen Gesamtkosten pro Retoure haben.

Gerade deshalb wird das wirtschaftliche Potenzial der Retourenoptimierung häufig unterschätzt.

Retouren als strategisches Profit-Thema

Was müssten Entscheider heute konkret verändern, um Retouren nicht nur zu senken, sondern sie als echten Kosten- und Profithebel zu nutzen?

Der wichtigste Schritt ist ein Perspektivwechsel: Retouren müssen vom operativen Thema zu einem strategischen Profit-Thema werden.

Dafür braucht es zunächst Transparenz über die tatsächlichen Kosten und wirtschaftlichen Effekte von Retouren. Erst wenn Unternehmen verstehen, welche Summen hier tatsächlich entstehen, wird klar, welches Potenzial in der Optimierung liegt.

Im nächsten Schritt sollten Retouren datenbasiert analysiert und Maßnahmen systematisch priorisiert werden – idealerweise entlang klarer Kriterien wie Kosten, Nutzen, Umsetzbarkeit und strategischem Fit. Gleichzeitig sollten Retouren nicht isoliert in einzelnen Abteilungen betrachtet werden, sondern als strategisches, abteilungsübergreifendes Thema gesteuert werden.

In der Praxis bedeutet das, Shop und Post-Order-Prozesse systematisch zu analysieren, die wirkungsvollsten Maßnahmen gemeinsam zu priorisieren, Business Cases sowie Anbietervergleiche zu erstellen und die Top-Maßnahmen anschließend so umzusetzen, dass sie ihr volles Potential entfalten.

Entscheidend ist außerdem, Maßnahmen messbar zu testen, etwa über strukturierte A/B-Tests. Denn nur so lässt sich belastbar feststellen, welche Maßnahmen tatsächlich zu weniger Retouren führen.

Gerade in Zeiten, in denen Profitabilität wieder stärker im Fokus steht, gehören Retouren auf die C-Level-Agenda.

Vielen Dank für das Gespräch!

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 20.03.2026
img Letzte Aktualisierung: 20.03.2026
Lesezeit: ca. 4 Min.
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Christoph Pech

Christoph Pech

Christoph schreibt über KI, digitale Innovationen und Payment-Lösungen – immer mit einem Blick auf smarte Technologien.

KOMMENTARE
6 Kommentare
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KI
23.03.2026

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Meinung: kostenloser Versand und kostenlosen Rückversand abschaffen. Auch keine Versandkosten abos etc., wie Amazon es praktiziert. Dann wird das Problem sofort gelöst sein. Aber die Politik ist zu feige. Der Umweltschutz ist nicht wichtig genug. Müllberge, die aus kostenlosem Versand und Rückversand resultieren, sind der Politik egal! Eventuell ist die Politik auch einfach nur zu engstirnig, zu dumm und von zu vielen Lobbyisten gesteuert.
Svanja Kleemann (Retectives)
23.03.2026
Retourengebühr hat tatsächlich einen großen Hebel, geht aber auf kosten der Conversion Rate und Customer Lifetime Value. Eine Retourengebühr bekämpft die Symptome, nicht aber die Ursachen. Es ist am Ende eine strategische Entscheidung. Wichtig ist jedoch bereits vor dem Fehlkauf anzusetzen - durch präventive Maßnahmen. Wir haben an die 100 präventive Maßnahmen in unserer Datenbank (neben kurativen und reaktiven Maßnahmen, die natürlich auch wichtig sind) - es gibt also mehr als genug Potential. ;)
cf
23.03.2026

Antworten

Vielleicht liegen derart hohe Retourenquoten aber auch zum Teil daran, dass einfach Billigware verkauft wird :-)
mario-grahe-a34a76ba
23.03.2026
Ein Zalando-Vorstand hat zu diesem Thema mal sinngemäß gesagt: Im stationären Handel kaufen die Leute auch nicht alles, was sie anprobieren. Und das Zurückräumen kostet auch. Wer von der Politik fordert, kostenlosen Versand und Rückversand zu verbieten, schadet dem Onlinehandel und schafft einen wettbewerbsnachteil gegenüber den Stationären, wo die Anprobe ja auch nichts kostet und unverbindlich ist.
Svanja Kleemann (Retectives)
23.03.2026
Ja, Billigware steigert die Retouren - die Käufer denken weniger intensiv darüber nach, ob sie das Produkt wirklich brauchen und bestellen tendenziell mehr (Auswahl-)Artikel! Bei der Billigware besteht außerdem das große Problem, dass die Retourenkosten oft über den Artikelkosten liegen - insbesondere, wenn die Ware aus China kommt. Da lohnt sich die Retoure für die Händler meist nicht und es wird häufig auf Rücknahme verzichtet. Ware, die dann früher oder später auf dem Müll landet, weil sie nicht benötigt wird.
Kerstin
01.04.2026
@mario-grahe-a34a76ba der Vergleich hinkt aber etwas. es ist ein Unterschied, ob ich Schuhe oder ein Kleidungsstück wieder ins Regal räumen muss oder ob ich Ware verschicke, sie in einem miserablen Zustand retourniert wird mit einem Haufen Mist aus dem Haushalt (teilweise ekelhaft). Dazu kommt, dass einige Kunden den Mindestbestellwert für versandkostenfreie Lieferung dahingehend ausnützen, indem sie einfach mehr bestellen und dann fast alles retournieren und nur das behalten, für das sie Versandkosten hätten bezahlen müssen. Der Unterschied zum stationären Handel ist auch noch, dass ein Onlinehändler grundsätzlich verpflichtet ist, eine Rückgabe zu akzeptieren, ein vor-Ort-Händler kann das aus Kulanz machen, muss er aber nicht, auch nicht, wenn es ein Geschenk war, das "nicht passt, gefällt" oder "Meinung geändert, doppelt geschenkt bekommen". Onlinekunden haben mE viel zu viele Rechte, die sie oftmals gnadenlos ausnutzen. Für große Anbieter evtl. kein Problem,, da sie ganz andere Margen haben, für kleine Anbieter oder Hersteller ist es ein großes Problem.