Die Diskussion um einen möglichen Verkauf von Hermes Germany hat in den vergangenen Monaten an Fahrt aufgenommen. Seitdem die Otto Group, der Mutterkonzern des Logistikers, Ende Mai ihren Geschäftsbericht 2024/25 vorgestellt und den Buchwert des Anteils am Unternehmen mit null Euro beziffert hat, steht die Frage im Raum, wie es mit dem Zustelldienst weitergeht?
Massive Einschnitte im Geschäft
Bereits seit Beginn des Jahres erlebt Hermes Germany massive Einschnitte. Im April wurde ein großes Restrukturierungsprogramm angekündigt, dem an die 800 Jobs zum Opfer fallen werden. Außerdem wurde im Juli bekannt, dass das Hamburger Unternehmen die Eigenzustellung komplett aufgeben wird und bei der Zustellung künftig vollständig auf externe Partnern oder Subunternehmen setzt. All dies sind Versuche, das strauchelnde Unternehmen wieder auf einen besseren Kurs zu bringen.
Zwar will die Otto Group sich selbst nicht zu einem möglichen Verkauf äußern – auf Nachfrage teilte man uns vor ein paar Wochen mit, dass man seit Monaten einen Plan verfolge, „um die Hermes Germany gut für die Zukunft aufzustellen“. Was genau dieser Plan allerdings beinhaltet und ob darin auch ein Verkauf oder Teilverkauf vorgesehen ist, ist nicht klar.
Warum China ein möglicher Käufer wäre
Die Spekulationen um einen Verkauf von Hermes Germany kamen bereits vor ein paar Jahren auf. Im Mai 2020 wurden Stimmen laut, dass der US-Paketdienst FedEx am deutschen Logistiker Interesse zeigen soll. Die Gerüchte bestätigten sich allerdings nicht.
Nun steht also wieder die Frage im Raum, ob es zu einer Übernahme kommt und wenn ja, von wem? Branchenexperten halten es für unwahrscheinlich, dass sich europäische Unternehmen für Hermes Germany stark interessieren. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Interessenten für Hermes Germany aus Europa gibt“, heißt es von Rico Back, geschäftsführender Gesellschafter der Logistik-Beratung SKR und ehemaliger Vorstandschef der GLS sowie der britischen Royal Mail, in einem Bericht von Businessinsider.
Ganz anders sei die Situation in China: Online-Händler wie Temu oder Shein könnten strategisch profitieren, wenn sie einen etablierten Paketdienst mit eigenem Zustellnetz übernehmen. Sie haben in kurzer Zeit große Marktanteile in Deutschland gewonnen und könnten durch eine Integration von Hermes ihre Logistik unabhängiger und effizienter gestalten. Auch der Konzern JD.com, der gerade die Elektronikkette MediaMarkt-Saturn übernehmen will, käme als möglicher Käufer infrage.
Alternativen für Hermes?
Sollte es nicht zu einem Verkauf kommen, müsste Hermes Germany weitere harte Restrukturierungen umsetzen. Wie aus dem Geschäftsbericht der Otto Group hervorgeht, hat man das Jahr mit einem Jahresfehlbetrag inklusive Abschreibungen von minus 231 Millionen Euro abgeschlossen.
Hinzu kommt, dass Hermes im Wettbewerb schwächelt: Der Dienst galt früher als günstige Alternative, hat nach Preiserhöhungen aber an Attraktivität verloren. Zudem fehlt dem Unternehmen ein klares Alleinstellungsmerkmal, da es sich traditionell auf Privatkunden konzentriert – ein weniger profitables Geschäft als die Belieferung von Geschäftskunden, auf die Konkurrenten wie DHL oder GLS setzen.
Fazit
Ein Verkauf von Hermes Germany an chinesische Online-Händler erscheint durchaus plausibel. Für Temu, Shein oder JD.com böte die Übernahme die Chance, ihre Stellung im deutschen Markt erheblich zu stärken. Für Hermes wiederum könnte ein solcher Deal die dringend notwendige Neuorientierung bedeuten – eine Alternative zu tiefgreifenden Sparmaßnahmen. Ob es dazu kommt, hängt letztlich von der strategischen Ausrichtung beider Seiten ab.
Artikelbild: http://www.depositphotos.com
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