Japan: „In unserer Firma gab es sogar Fälle von Selbstmord.“
Ein deutlich anderes Bild zeichnet Daikichi Nakata. Seit 17 Jahren ist er Briefträger und Paketbote in Japan. In den Jahren hat er viel erlebt. Als 2005 die Post privatisiert wurde, hat sich seiner Ansicht nach viel verändert. Zwar blieben die Aufgaben dieselben, doch der Druck wurde deutlich erhöht. Die Zielvorgaben wurden höher, Lohnerhöhungen fielen geringer aus. Gerade Abteilungsleiter spürten den Druck. „Unser Abteilungsleiter wurde zusammengefaltet. In unserer Firma gab es sogar Fälle von Selbstmord. Viele kamen mit dem neuen Druck nicht klar“, erzählt er der Zeit.
Das Lieferpensum ist enorm. An einem normalen Tag liefert Nakata ungefähr 1.500 Briefe und Pakete aus. Ab Mitte Dezember steigt die Zahl, dann können es auch gern mal 2.000 Sendungen sein. Ausliefern soll er diese am besten bis zum Mittag, „möglichst schon vorher“. Individuelle Lieferungen gibt es zu jeder Tageszeit. Er informiert die Kunden zudem auch über neue Angebote. So können zu bestimmten Jahreszeiten Lieferungen beispielsweise günstiger sein. Wie viele Länder kämpft auch Japan mit dem demografischen Wandel. Offene Stellen bleiben unbesetzt, das Paketvolumen nimmt zu – und damit auch der Druck. „Deshalb muss ich heute mehr ausfahren als früher“, beendet Nakata seinen Bericht.
Frankreich: Ein persönliches Verhältnis gehört einfach dazu
In Frankreich gestaltet sich der Alltag ähnlich wie in Deutschland. Rachid Aityahia ist Paketzusteller bei einem kleinen privaten Paketdienstleister und mag seinen Beruf am meisten den persönlichen Kontakt. Dabei muss auch er fast jeden Tag über 200 Pakete ausfahren, aber er ist auf seiner Route bekannt. Auch wenn der Job stressig ist, behält er sich seine Ruhe und nimmt sich Zeit. „Noch bevor ich die Pakete abladen konnte, brachten mir die Frauen einen Kaffee“, erzählt er.
In seinem Bezirk ist er nicht allein unterwegs: Über ein Dutzend ähnlicher Firmen liefern Pakete aus, da die französische Post dies nicht mehr macht. Für 1.400 bis 1.600 Euro netto im Monat fährt er meist von morgens sechs bis nachmittags fünf Uhr mit unbezahlten Pausen die Pakete aus. In einer Gewerkschaft ist er nicht, der Kündigungsschutz ist nicht stark, doch „die Stimmung ist gut.“ Der Grund ist wie überall der E-Commerce. Jedes Jahr steigt die Zahl der Pakete und Aityahia erwartet, dass er bald wohl 250 Pakete pro Tag ausfahren muss. Doch selbst bei dem steigenden Druck will der auf das persönliche Verhältnis zu seinen Kunden nicht verzichten: „Das gehört für mich zum Pariser Selbstbewusstsein.“
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