Eine eigene Flotte löst nicht alle Probleme
Welche Herausforderungen gehen mit eigenen Logistikmodellen einher? Wie lange dauert es beispielsweise, diese Kapazitäten aufzubauen und lassen sich so tatsächlich Lieferengpässe überwinden?
Eine Betrachtung der aktuell geplanten Neubau-Kapazitäten für Großschiffe zeigt bereits prall gefüllte Auftragsbücher. Gerade die Kapazitäten in China oder Südkorea sind gut ausgelastet: 2020 wurden ca. 114 Containerschiffe von den Reedereien bestellt, 2021 bereits 561 Frachter. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation erwarten wir nicht, dass der Trend abreißen wird, sodass allein der Aufbau einer Flotte entsprechend Vorbereitungszeit erfordern würde. Es sei denn, man geht Kooperationen mit anderen Reedereien ein, um die Auslastung der Frachter zu optimieren. So könnte man auch schon relativ kurzfristig drohende Lieferengpässe abwenden und Warenverfügbarkeiten sichern, während der Aufbau der eigenen Flotte eine Wette auf die Zukunft darstellt.
Doch selbst bei einsatzbereiten eigenen Flotten können sich diese Unternehmen nicht so einfach vor den aktuellen Auswirkungen der Pandemie und der Geopolitik schützen: Personalengpässe in der eigenen Flotte, überlastete Häfen mit Rückstaus und Nadelöhren im nachgelagerten Überlandverkehr oder überdurchschnittliche Liegezeiten treffen auch das eigene Geschäft. Unternehmerische Flexibilität ist in dem Fall dann sicherlich einfacher durchzusetzen, kann aber die Gesamtproblematik nicht lösen. An dieser Stelle wäre es sicherlich einfacher, schnellstens Transparenz über die Kernbrennpunkte in den Lieferketten durch Digitalisierung herzustellen, vorausschauendes Risikomanagement zu etablieren und gezielt SWAT-Teams auf die Problemlösung anzusetzen.
Wie wirkt sich diese verstärkte Einflussnahme der großen Unternehmen auf den Wettbewerb aus? Können kleinere Handelsunternehmen da mithalten?
Die aktuelle Situation zeigt, dass Großunternehmen tatsächlich vermehrt direkte Buchungen bei Reedern vornehmen und die Speditionen damit zunächst außen vor sind. Dennoch hat sich die Situation der Speditionen in den vergangen sechs bis zwölf Monaten deutlich verbessert. Während zu Hochzeiten der Pandemie noch deutliche Auftragsrückgänge unter hohem Wettbewerbsdruck zu niedrigen Frachtpreisen zu verzeichnen waren, steigt die Auftragslage vieler Unternehmen hier tendenziell weiter an und die vormals berichtete Insolvenzgefahr sinkt kontinuierlich. Der Ausblick ist aktuell auch für den europäischen Raum wieder optimistisch.
Kleinere Händler werden sich in diesem Umfeld weiter behaupten müssen, durch die geringere Einkaufsmacht sind diese auf das Speditionsgeschäft angewiesen und können nicht an den vorteilhafteren Konditionen der Reedereien bei Direktbuchungen profitieren. Aber auch hier bieten sich Chancen durch die höhere Flexibilität und geschicktes Eingehen von Geschäftsverbindungen.
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