Regeln beschränken eigentlich per se Freiheit, sind in einer zivilisierten Gesellschaft und Demokratie jedoch der notwendige Konsens, um möglichst faire Abläufe zu schaffen. Der Spagat, es dabei allen recht zu machen, gelingt allerdings nicht immer, wie ein aktueller Fall rund um das soziale Netzwerk Mastodon zeigt.

Die in Deutschland entwickelte dezentralisierte Plattform verfügt nicht über die notwendigen finanziellen und personellen Mittel, um einer neuen Gesetzesauflage im US-Bundesstaat Mississippi gerecht zu werden. Ein Problem, welches auch hiesige Unternehmen immer öfter zu spüren bekommen. Regeln sind wichtig – aber was, wenn ich mir die Umsetzung schlicht nicht leisten kann?

Jugendschutz-Auflage zwingt Mastodon in die Knie

Im US-Bundesstaat Mississippi trat im August 2025 ein neues Gesetz zum Jugendschutz final in Kraft. Der Walker Montgomery Protecting Children Online Act (HB 1126) sieht vor, dass digitale Dienste das Alter von Nutzer:innen registrieren sowie verifizieren müssen. Das bedarf natürlich bestimmten technischen Möglichkeiten sowie einem Verwaltungsapparat, der die aufgenommenen Daten für künftige Nachfragen speichert.

Beides Anforderungen, denen Mastodon schlicht nicht nachkommen kann. Das aus Deutschland stammende Netzwerk versteht sich als dezentrale Plattform. Es besteht aus vielen, über die Welt verteilten Servern, die unabhängig geführt werden. Nutzer:innen sollen dadurch einen Server wählen können, dessen Richtlinien zu ihren individuellen Bedürfnissen passen. Mit einem kürzlichen Update wurde zwar eine Funktion etabliert, nach der Server-Betreiber:innen ein Mindestalter einstellen können. Diese Daten werden jedoch nicht gespeichert.

Das große Problem in diesem Fall ist, dass hinter Mastodon weder ein zentraler Verwaltungsapparat noch eine Gewinnerzielung stecken. Das bedeutet nicht nur, dass Mastodon der neuen Pflicht nicht nachkommen kann, es kann auch nicht – wie beispielsweise Wettbewerber BlueSky – einfach innerhalb des Bundesstaates deaktiviert werden. Wie der Gründer Eugen Rochko gegenüber TechCrunch bestätigte, gibt es schlicht kein zentrales Organ, welches diese Entscheidung treffen kann.

Geschäftsaufgaben wegen Gesetzesflut?

Das Beispiel mag für kleine Online-Händler:innen zunächst etwas weit weg wirken – sowohl in technischer als auch lokaler Hinsicht. Doch auch hierzulande kämpfen Unternehmen mit immer mehr und mehr regulatorischen Hürden. Ganz egal, ob GPSR oder BFSG oder E-Rechnungspflicht – um all diesen Auflagen nachzukommen, benötigt es Zeit. Wenn man diese persönlich nicht hat, da man, Überraschung, ein Geschäft führen muss, benötigt man Personal. Dafür benötigt man wiederum Geld. Doch wie soll man dieses noch verdienen, wenn man nur noch mit Verwaltung beschäftigt ist? (Ganz zu schweigen von steigenden Preisen für Versand und Co.)

Was in größeren Unternehmen eine lästige Angelegenheit, aber handelbar ist, zwingt kleine Unternehmen, Einzelunternehmer:innen – und dezentrale Plattformen – schnell in die Knie. Umso wichtiger wäre ein Umdenken in der Politik, denn wenn Europa digitale Souveränität und unternehmerische Vielfalt fördern will, braucht es Gesetze mit Augenmaß. Am Ende zeigt der Fall Mastodon, was passiert, wenn man die Regulierungsschraube immer weiter anzieht: Erst geht die Flexibilität verloren, dann die Vielfalt.

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