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Zollreform: Die Großen rechnen es ein, die Kleinen zahlen drauf

Veröffentlicht: 01.10.2026
imgAktualisierung: 01.10.2026
Geschrieben von: Tim Arlt
Lesezeit: ca. 3 Min.
01.10.2026
img 01.10.2026
ca. 3 Min.
Paket mit Versandetikett und Münzen auf einem Packtisch, dahinter hohe Lagerregale voller Kartons.
KI
Die EU-Zollreform soll den Wettbewerb fairer machen. Doch wer fängt die neuen Kosten auf? Ein Kommentar.


Seit dem 1. Juli ist die 150-Euro-Freigrenze Geschichte. Für Pakete aus Drittstaaten gilt eine Pauschale von drei Euro je Warenart, ab November kommt eine Bearbeitungsgebühr dazu. Das Ziel finde ich richtig. Wer auf dem europäischen Markt verkauft, muss dieselben Regeln einhalten wie alle anderen.

Zollprivilegien abzubauen und Plattformen für ihre Importe in die Pflicht zu nehmen, war überfällig. Aber zusätzliche Abgaben allein schaffen noch keinen fairen Wettbewerb.

Was für Temu ein Verkaufsargument ist, wird für kleine Shops zur Rechnung

Die Gebühr trifft nicht alle gleich. Eine Plattform rechnet drei Euro in ihre Kalkulation ein, bündelt Sendungen und verlagert Ware in Lager innerhalb der EU. Leser berichten, dass AliExpress seine Verteilhubs in der EU auf immer mehr Artikel ausweitet und Temu ein Lager in Deutschland hat. Die beliebtesten Artikel kommen dann containerweise an. Wer so organisiert ist, fängt die Kosten auf und macht sie am Ende zum Verkaufsargument.

Ein kleiner Shop hat diese Spielräume nicht. Bei ihm wird daraus ein Kalkulationsproblem: höhere Preise, weniger Marge oder ein Produkt weniger im Sortiment.

Vier Händler, vier Rechnungen

Stimmen aus unserer Community zeigen, wie das im Alltag aussieht:

  • Ein Produzent kauft seine Rohmaterialien in China, weil es sie in Deutschland schlicht nicht gibt. Für ihn heißt die Reform: höhere Einkaufskosten und weniger Konkurrenzfähigkeit.
  • Eine Händlerin kauft Silikonformen bei einem chinesischen Anbieter, weil dieselbe Form bei Amazon ein Vielfaches kostet. Ihre Produkte werden teurer.
  • Ein Importeur berichtet von rund 14 Tagen längeren Verzollungszeiten, weil der Zoll personell nicht hinterherkommt. Seine Antwort: mehr Lagerbestand, mehr gebundenes Kapital, höhere Kosten.
  • Eine weitere Händlerin bestellt Ware in England. Dort gilt inzwischen Zoll plus Gebühr, oder sie lässt es bleiben.

Keiner dieser Fälle ist ein Regelverstoß. Es sind Unternehmen, die im normalen Geschäft Ware einkaufen.

China ist kein Feindbild, sondern Teil unserer Lieferketten

Es geht nicht gegen China. China ist Produktionsstandort und Teil der Lieferketten vieler deutscher Unternehmen, und wir sind von diesen Lieferketten abhängig. Händler und Hersteller beziehen dort Waren, Bauteile und Rohmaterialien, teils weil es in Europa keine gleichwertigen Alternativen gibt. Der Bezug aus China ist kein Fehlverhalten. Entscheidend sind sichere Produkte, korrekte Zollangaben und die Einhaltung europäischer Vorgaben. Werden diese Importe teurer oder komplizierter, trifft das auch die Unternehmen, deren Wettbewerbsposition die Reform stärken soll.

Kontrolle statt Kassenzettel

Abgaben ersetzen keine Kontrollen. Unsichere Produkte und falsche Zollangaben müssen konsequent verfolgt werden, egal wer sie einführt, und Plattformen müssen überprüfbar Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig muss der Zoll in der Lage sein, Verfahren zügig abzuwickeln. Wenn die Verzollung zwei Wochen länger dauert, zahlt der Händler nicht mit Zoll, sondern mit gebundenem Kapital.

Was der Mittelstand jetzt braucht

Kleine und mittlere Unternehmen brauchen einfache, verlässliche Zollverfahren. Fairer Wettbewerb darf nicht an zusätzlichen Formularen und unklaren Zuständigkeiten scheitern.

Meine Forderung: Die Reform muss sich daran messen lassen, ob regelkonformer Handel bessere Chancen erhält. Dafür braucht es wirksame Plattformkontrolle, konsequente Rechtsdurchsetzung und einfache, verlässliche Verfahren für kleinere Unternehmen.

Wer den deutschen Handel stärken will, muss seine Lieferketten verstehen. Eine Reform, die Temu einen neuen Werbeslogan liefert und kleinen Händlern zusätzliche Arbeit beschert, wäre am eigenen Anspruch gescheitert.

Veröffentlicht: 01.10.2026
img Letzte Aktualisierung: 01.10.2026
Lesezeit: ca. 3 Min.
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Tim Arlt

Tim Arlt

Händlerbund-CEO

KOMMENTARE
2 Kommentare
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ralf
02.10.2026

Antworten

China ist das Feindbild und man muss sich fragen, warum man viele Sachen nur dort bekommt und warum China für viele altägliche Dinge Produktionstandort ist und nicht Deutschland oder Europa. Woran könnte das wohl liegen? Daher sollte die Politik nicht schauen, dass weiter aus China fleißg importiert wird, sondern, dass Deutschland und Europa Produktionstandort wird, damit es in Deutschland und Europa gleichwertige Alternativen gibt. Wäre auch besser für´s Klima. Durch die hohen Klimaschutzauflagen hier, wird halt der Klimaschutz durch lange Transportwege umgangen.`Je Höher der Klimaschutz in der EU, desto mehr Dieselfrachter fahren und Kohlekraftwerke bauen die Asiaten um uns zu beliefern, weil wir selber nix produzieren. Daher liegt es ja tatsächlich nicht an China , sondern an der EU und Deutschland, warum China für viele Deutsche Firmen Lieferant ist. Man tut ja alles dafür, dass hier bei uns der Standort vor allem eins bleibt: Teuer.
Frank Pagenkemper
02.10.2026

Antworten

Doch, China ist das Feindbild. Es geht nicht nur um Lieferketten und Produktionsstandorte. Es geht darum den chinesischen Müll der nach Europa geschickt wird einzudämmen. Ich schätze mal 90 % der Temu und Co Ware landet innerhalb von 3 Monaten auf dem Müll, weil die Qulität grotig ist. All die giftigen Kleinpreisartikel finden weiterhin ihren Weg nach Europa. Und was Lieferketten angeht meine ich, dass man sich darauf sowieso nicht mehr verlassen kann. Die Globalisierung ist an den Autokraten dieser Welt gescheitert. Globlisierung hat für die autokratischen Länder den Nachteil, dass auch Ideen von Demokratie und Freiheit viel zu nah an die Diktatoren kommt. Demnach kann die Devise ja nur lauten, dass wichtige Schlüsselprodukte zumindest eine Grundproduktion in Deutschland oder Europa haben muß. Wir eiern sonst einfach nur von Krise zu Krise, denn irgendwo gibt es immer Verrückte, Freiheitskämpfer und Terroristen, die jetzt erkannt haben, dass es viel effektiver ist Lieferwege zu behindern als Bombenattentate zu verüben. Nein, ich bleibe dabei, China ist ein grundsätzliches Problem.