Seller genervt: Amazons Rückerstattungen oft deutlich unter Warenwert

Veröffentlicht: 12.08.2025
imgAktualisierung: 12.08.2025
Geschrieben von: Ricarda Eichler
Lesezeit: ca. 3 Min.
12.08.2025
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Amazon Lagerhallen
goldenshrimp / Depositphotos.com
Der Dienst Fulfillment by Amazon soll eigentlich Prozesse vereinfachen. Doch geht im Lager etwas verloren, wird es schnell kompliziert.


Anfang dieses Jahres änderte Amazon seine Richtlinie zur Erstattung verlorener oder beschädigter Einheiten ab. Wie das Unternehmen hierzu schrieb, sollten Rückerstattungen dann proaktiv erfolgen, sobald ein Verlust oder eine Beschädigung bekannt wird. Damit sollte Sellern der zusätzliche Schritt, diese Rückzahlung einzufordern, abgenommen werden.

Eigentlich eine tolle Idee. In der Praxis scheint es jedoch hier und da zu hapern. So melden sich immer wieder Seller bei uns oder in einschlägigen Foren mit Hinweisen zu Wort, dass die Rückerstattungen zu gering ausfielen. Ein Seller schrieb, dass er trotz ordnungsgemäßem Rechnungsnachweis teilweise nur 30 bis 50 Prozent des Warenwertes erstattet bekäme.

Wie funktioniert Amazons Rückerstattungsrichtlinie?

In einem riesengroßen System wie einem Amazon Fulfillment-Center kommt es zu Fehlern. Das lässt sich vermutlich nicht vermeiden. Ganz egal, ob eine ungeschickte Beschädigung oder der Verlust von Waren – für Seller ist es wichtig zu wissen, wie mit derartigen Fällen umgegangen wird. Hierfür hat Amazon eine umfassende Richtlinie zur Erstattung verlorener oder beschädigter Einheiten. Die erklärt ausführlich, welche Bedingungen ein Produkt erfüllen muss und auf welcher Grundlage Erstattungsbeträge vor beziehungsweise nach dem Verkauf festgelegt werden.

Im Idealfall geben Seller ihre eigenen Beschaffungskosten bereits im Vorfeld an, damit Amazon diese stets parat hat, um Verluste zu ersetzen. Ist dies nicht erfolgt, zieht das Unternehmen zur Berechnung die Beschaffungskosten vergleichbarer Produkte auf dem Marktplatz hinzu. Wenn man beispielsweise blaue Kugelschreiber mit einem Beschaffungswert von 0,05 Euro pro Stück vertreibt, dies aber nicht angegeben hat, prüft Amazon, welche Beschaffungskosten andere Seller für blaue Kugelschreiber angaben. Dabei kann es vorkommen, dass die geschätzten Beschaffungskosten unter den eigenen Ausgaben liegen.

Ferner macht Amazon deutlich, dass es unter dem Begriff Beschaffungskosten ausschließlich die tatsächlichen Kosten für die Beschaffung beziehungsweise Herstellung eines Produktes versteht. Posten wie Logistik oder Zölle, die auf den Preis aufgeschlagen wurden, werden hierbei nicht berücksichtigt.

Wie widerspreche ich Amazons Berechnungen?

Das Vorgehen sorgt in einigen Fällen dafür, dass Seller mit dem erstatteten Betrag nicht einverstanden sind. In solchen Fällen kann man im Seller Central sowohl im Vorfeld die eigenen Beschaffungskosten einsehen und anpassen als auch eventuelle Widersprüche stellen. Konkret findet sich dies im Portal für Bestandsmängel und Rückerstattungen unter dem Punkt „Verwalten deine Beschaffungskosten“.

Doch Achtung, die hier angegebenen Beschaffungskosten sollten auch nachweisbar und angemessen sein. Denn Amazon behält sich vor, diese im Zweifelsfall abzulehnen, wenn sie beispielsweise im Vergleich zu ähnlichen Produkten deutlich höher ausfallen. Auch bei bestehendem und nicht widerlegtem Betrugsverdacht oder Ablehnungen beim gleichen Produkt innerhalb der letzten 30 Tage kann es zur Absage kommen.

Die folgenden Nachweisdokumente werden durch Amazon akzeptiert:

  • Herstellerrechnungen
  • Großhändlerrechnungen
  • Kaufrechnungen
  • Handelsrechnungen
  • Chinesische Fapiao (Steuerrechnungen), wenn sie die unten aufgeführten erforderlichen Attribute erfüllen

Ist Amazons Vorgehen Willkür?

Die automatisierte Rückerstattung sollte eigentlich eine Arbeitserleichterung für alle Beteiligten darstellen. Auch betonte ein Amazon-Sprecher gegenüber OnlinehändlerNews, dass die Richtlinie sowie das Portal zur Verwaltung der Beschaffungskosten dazu dienen, Sellern „umfassende Transparenz durch klare Dokumentationsanforderungen“ zu bieten. Seitens Amazon scheint der Informationsfluss also klar geregelt.

Jedoch kann es natürlich vorkommen, dass Seller bei bestimmten Produktkategorien schlicht höhere Beschaffungskosten haben, als der Durchschnitt auf dem Marktplatz. In solchen Fällen können Erstattungen geringer ausfallen als erwartet. Für Seller empfiehlt es sich daher, die eigenen Beschaffungskosten im Seller Central stets im Blick zu behalten und bei Veränderungen proaktiv zu aktualisieren.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 12.08.2025
img Letzte Aktualisierung: 12.08.2025
Lesezeit: ca. 3 Min.
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Ricarda Eichler

Ricarda Eichler

Ricarda berichtet über digitale Themen und spricht in Interviews und Podcasts mit spannenden Stimmen aus der Branche.

KOMMENTARE
4 Kommentare
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André
13.08.2025

Antworten

Na ja wer bei den Bedingungen und dem Schwund sowie der hohen Rate an defekten Artikeln und unberechtigten Rücksendungen immer noch FBA nutzt ist doch selbst schuld, sehe nicht einen Vorteil über FBA überhaupt noch was zu verkaufen.
AH
13.08.2025

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@AJ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ich hatte schon Produkte, bei denen ich von Amazon einen Anruf bekommen habe, mit der Frage nach meinem Lieferanten (Monatsumsatz 20-30k). Aussage: Amazon verdiene nicht genug am Produkt und man wolle die Lieferkette optimieren... ich habe ihnen klar gemacht, dass ich der Lieferant bin und man gerne die Preise von Seiten Amazons erhöhen kann, dann wäre auch die Marge höher. Nach dem Gespräch war mein Umsatz 0 Euro. Und ja Amazon möchte immer nur die Lieferantenstruktur in Erfahrung bringen. Läuft ein Produkt, dann hat es Amazon bald selbst identisch auf dem Gabentisch. Deshalb ist auch eine Trennung von Plattform und Amazon Eigengeschäft aus kartellrechtlicher Sicht zwingend geboten.
ralf
13.08.2025

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Wie schon so oft erwähnt: Jede Änderung die Amazon vornimmt dient der eigenen Gewinnmaximierung und wird immer als völlig anderer Grund verkauft. Hier geht es nur darum bei Verlusten die Entschädigungen geringer zu halten. Verkauft wurde uns das Ding mit Vereinfachung von Erstattungen.
AJ
13.08.2025

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Ja klar, es wird vereinfacht. Was wird vereinfacht? Amazon einen Einblick in die Beschaffungskette und die Preise der Seller zu bekommen. Wer das nicht möchte, bezahlt mit den niedrigen Erstattungen also eine Art Schutzgeld. Womit so manch einer Recht behält, der Amazon mafiöse Züge nachsagt.