Amazon-Kundinnen und -Kunden stoßen seit einer Weile auf eine überraschende Neuerung bei Rückgaben: Bei bestimmten Artikeln wird ihnen im Retourenprozess angeboten, die Ware zu behalten – im Gegenzug erhalten sie eine pauschale Teilrückerstattung. Das Verfahren läuft automatisiert über das Kundenkonto und soll den Rückgabeprozess vereinfachen. Wir haben uns angesehen, wie das funktioniert, ob man wirklich Zeit und Geld spart – und wo es kritisch wird.

Amazons-Retouren: weniger Aufwand für Kund:innen

Screenshot der Amazon-Retouren-OptionStellen wir uns vor: Jemand bestellt bei Amazon Kopfhörer. Nach dem Auspacken zeigt sich jedoch ein kleiner Mangel – vielleicht ein Kratzer oder ein Wackelkontakt. Also startet die Kundin den bekannten Retourenprozess im Kundenkonto, wählt als Rückgabegrund „defekt“ oder „gefällt nicht“ aus und rechnet mit dem üblichen Ablauf: Etikett/QR-Code erstellen, Sendung zur Post oder Packstation bringen. Fertig.

Doch dann erscheint plötzlich eine zusätzliche Option: Anstatt die Kopfhörer tatsächlich zurückzuschicken, kann die Kundin sie behalten – wenn sie im Gegenzug einer pauschalen Erstattung zustimmt. Nach unseren Beobachtungen beträgt dieser Nachlass häufig 2,99 Euro.

Amazon selbst beschreibt dieses Vorgehen als Service, der Zeit und Mühe sparen soll. Auf unsere Anfrage hin erklärte ein Amazon-Sprecher: „Um die Produktrückgabe für unsere Kundinnen und Kunden bequemer zu gestalten, bieten wir flexible Optionen für den Rückabwicklungsprozess an. In bestimmten Fällen können Kunden einen Artikel, den sie zurückgeben wollen, gegen eine teilweise Rückerstattung behalten. Damit können kleinere Beanstandungen des Produkts gelöst werden, während sich Kunden zugleich Zeit und Aufwand für die Rücksendung ersparen.“

Das Angebot sei für eine Vielzahl von Kategorien verfügbar und hänge von Kriterien wie Abmessungen, Preis und Rückgabegrund ab. Kund:innen hätten die Wahl zwischen drei Optionen:

  1. Teilrückerstattung akzeptieren und Artikel behalten.
  2. Standard-Rückgabe durchführen.
  3. Teilrückerstattung akzeptieren und Artikel trotzdem innerhalb der Rückgabefrist zurückschicken – in diesem Fall wird der noch ausstehende Kaufpreis erstattet.

Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit treffen auf Intransparenz

Das neue Rückgabe-Modell von Amazon wirkt auf den ersten Blick kundenfreundlich. Es spart Aufwand und könnte unnötige Transporte vermeiden, denn kleinere Mängel oder Beanstandungen können unkompliziert abgegolten werden, ohne dass Versandwege, Verpackung und Wartezeiten für Rückversand und ggf. erneute Bestellungen anfallen. Ökologisch betrachtet ein Pluspunkt. Nicht zuletzt profitieren Kund:innen durch den Nachlass direkt im Geldbeutel.

Allerdings wirft das Modell auch Fragen auf. Nach welchen Kriterien Amazon entscheidet, ob und wann Kund:innen diese Option erhalten, bleibt unklar. Erhält jeder Kunde mit dem gleichen Produkt dasselbe Angebot – oder variiert die Nachlasshöhe individuell? Wird der Preisnachlass (z. B. 2,99 Euro) standardmäßig angewendet oder flexibel angepasst? Und: Handelt es sich um eine vollautomatisierte Entscheidung?

Behalte-Option wirft rechtliche Fragen auf

Besonders brisant ist die Beobachtung, dass diese Behalte-Option auch bei preisgebundenen Artikeln wie Büchern angezeigt wird. Hier dürfte ein Verstoß gegen das Buchpreisbindungsgesetz vorliegen, das Preisnachlässe auf neue Bücher untersagt. Ob und wie Amazon sicherstellt, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, ist bislang unklar.

Auch Missbrauch ist denkbar: Könnten Kund:innen systematisch Artikel „zurückgeben“, nur um den Teil-Nachlass einzustreichen, ohne tatsächlich Rücksendeabsicht zu haben? Welche Schutzmechanismen Amazon dagegen implementiert, bleibt offen.

FAQ: Amazons neue Behalte-Option bei Retouren

1. Was bedeutet die „Behalte-Option“ bei Amazon-Retouren?

Wenn Kund:innen im Retourenprozess angeben, einen Artikel zurückschicken zu wollen, blendet Amazon in manchen Fällen eine zusätzliche Möglichkeit ein: Statt den Artikel tatsächlich zurückzusenden, können sie ihn behalten und erhalten dafür einen kleinen Teil des Kaufpreises zurück.

2. Wie hoch ist der Nachlass?

Nach bisherigem Wissensstand liegt er regelmäßig bei 2,99 Euro.

3. Bekomme ich den Nachlass sofort gutgeschrieben?

Ja, die Teilrückerstattung wird nach Annahme umgehend über die ursprüngliche Zahlungsmethode ausgezahlt.

4. Kann ich den Artikel trotzdem noch zurückschicken?

Ja. Wer die Option wählt, kann den Artikel innerhalb der regulären Rückgabefrist trotzdem zurücksenden und erhält dann den vollen Kaufpreis.

5. Gilt die Behalte-Option für alle Produkte?

Nein, sie erscheint nur bei bestimmten Artikeln. Kriterien sind laut Amazon etwa Größe, Preis oder Rückgabegrund. Genaueres lässt sich jedoch im Vorhinein nicht sagen.

6. Funktioniert das auch bei Drittanbietern (Marketplace-Sellern)?

Amazon hat dazu bislang keine klaren Angaben gemacht. Ob die Option auch für Fremdanbieter gilt, ist unklar.

7. Warum sehe ich die Option nicht bei jeder Retoure?

Die Entscheidung erfolgt automatisiert nach internen Amazon-Kriterien. Nicht jede Bestellung ist für eine Behalte-Option vorgesehen.

8. Kann ich den angebotenen Betrag verhandeln?

Nein. Der Nachlass wird im Retourenprozess angezeigt und kann nicht individuell angepasst werden.

9. Was passiert, wenn die Option angenommen wird, der Artikel aber später doch reklamiert werden soll?

Kund:innen verzichten nicht grundsätzlich auf ihre gesetzlichen Gewährleistungsrechte. Sollten später weitere oder gravierendere Mängel auftreten, kann weiterhin Nachbesserung oder im Einzelfall auch eine vollständige Rückabwicklung verlangt werden.

Allerdings: Mit der Zustimmung zur Teilrückerstattung bestätigt man, dass ein bestehender Mangel akzeptiert wird und man sich mit einer Kaufpreisminderung einverstanden erklärt. Das kann in der Praxis dazu führen, dass Amazon bei einer späteren erneuten Reklamation argumentiert, der ursprüngliche Mangel sei bereits „abgegolten“.

10. Könnte das System ausgenutzt werden, indem viele Artikel „zurückgeben“ werden, um Nachlässe zu kassieren?

Theoretisch ja – wer viele Retouren anstößt, könnte öfter die Behalte-Option sehen. Allerdings könnte der Missbrauch ebenso schnell erkannt werden und im schlimmsten Fall zu Einschränkungen oder einer Kontosperrung führen.

11. Ist die Behalte-Option für die Umwelt besser?

Grundsätzlich spart jede vermiedene Rücksendung Transportwege, Verpackungsmaterial und Emissionen – das ist ökologisch sinnvoll. Gleichzeitig kann sich der Nachlass auch finanziell lohnen, wenn es nur um kleine Schönheitsfehler geht und man den Artikel weiter gut nutzen kann. Eine Rücksendung ist aber trotzdem sinnvoll, wenn das Produkt nicht funktioniert, sicherheitsrelevant ist (z. B. Elektrogeräte, Kindersitze) oder man mit dem Mangel nicht langfristig leben möchte. In solchen Fällen ist die reguläre Retoure oft die bessere Wahl – so erhält man einen einwandfreien Artikel, der lange nutzbar ist und nicht wegen Mängeln oder Nichtgefallen früher oder später doch im Müll landet.

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