Amazon testet derzeit ein neues Feature mit der Bezeichnung „Buy for me“ beziehungsweise „Shop other stores directly“. Dabei werden Produkte aus externen Online-Shops direkt in der Amazon-App angezeigt – auch von Händler:innen, die keinen Amazon-Seller-Account betreiben und sich nicht aktiv für das Programm angemeldet haben.

Die Produktauswahl basiert offenbar auf einer automatisierten Erfassung öffentlich zugänglicher Shop-Inhalte. Amazon greift dafür auf Produktdaten und Bilder externer Websites zurück und stellt diese innerhalb der App dar. Mehrere Shopbetreiber:innen berichten, dass dabei auch Produkte angezeigt wurden, die nicht (mehr) im Sortiment vorhanden sind oder deren Abbildungen nicht aus dem eigenen Shop stammen.

Kund:innen können diese Produkte über einen „Buy for me“-Button kaufen. Der Kaufprozess erfolgt über die Amazon-App, während Amazon im Hintergrund im Namen der Kund:innen eine Bestellung im jeweiligen Fremdshop auslöst. Die betroffenen Shops erhalten diese Bestellungen als reguläre Bestelleingänge, häufig erkennbar an E-Mail-Adressen mit der Domain „buyforme.amazon“.

Ein konkretes Beispiel liefert bobodesignstudio. Der Shop wurde nach eigenen Angaben von Kund:innen darauf hingewiesen, dass seine Produkte in der Amazon-App angeboten werden. In der Folge stellte sich heraus, dass bereits mehrere Bestellungen über diesen Weg eingegangen waren, ohne dass sie zunächst als Amazon-Bestellungen erkennbar gewesen wären. Zudem seien Produkte angezeigt worden, die im eigenen Shop nicht (mehr) existierten oder mit unzutreffenden Bildern versehen waren.

Als Reaktion darauf hat bobodesignstudio seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen angepasst. Darin behält sich der Shop ausdrücklich vor, Bestellungen abzulehnen oder zu stornieren, wenn diese über Amazon oder einen Amazon-nahen Dienst initiiert wurden. Zugleich weist der Shop darauf hin, dass für solche Bestellungen kein eigener Kundenservice, keine Retourenabwicklung und keine Erstattungen übernommen werden und sich Kund:innen in diesen Fällen direkt an Amazon wenden sollen.

Nach Angaben aus der Community existiert derzeit keine zentrale Abmelde- oder Verwaltungsfunktion für betroffene Händler:innen. Das Feature befindet sich weiterhin in einer Test- bzw. Beta-Phase und wird nur ausgewählten Nutzer:innen angezeigt.

Rechtliche Bewertung

Der Service wird derzeit ausschließlich in den USA getestet. Die Frage stellt sich jedoch, wie das Modell rechtlich zu bewerten wäre, sollte Amazon ein entsprechendes Programm auch in Europa oder Deutschland ausrollen.

Aus urheberrechtlicher Sicht wirft das Vorgehen erhebliche Fragen auf. Werden Produktfotos und sonstige Inhalte automatisiert aus fremden Online-Shops übernommen und innerhalb der Amazon-App dargestellt, erfolgt dies ohne erkennbare Nutzungslizenz der Rechteinhaber. Produktbilder genießen regelmäßig urheberrechtlichen Schutz, sodass ihre Verwendung ohne Zustimmung grundsätzlich problematisch ist.

Daneben kommen markenrechtliche Aspekte in Betracht. Werden geschützte Marken, Logos oder Produktbezeichnungen genutzt, um innerhalb der Amazon-App für Angebote externer Shops zu werben, geschieht dies ohne vertragliche Grundlage mit den Markeninhaber:innen. Auch dies kann rechtlich relevant sein, insbesondere wenn der Eindruck entsteht, es bestehe eine wirtschaftliche Verbindung zu Amazon oder eine Autorisierung des Angebots.

Schließlich ist auch das Wettbewerbsrecht berührt. Berichten zufolge werden im Rahmen des Programms teilweise Produkte angezeigt, die der jeweilige Shop nicht (mehr) führt oder nie angeboten hat. Dadurch kann ein unzutreffendes Marktbild entstehen, das sowohl Verbraucher:innen als auch Mitbewerber:innen beeinflusst. Unklare Verantwortlichkeiten, fehlerhafte Produktdarstellungen und nicht verfügbare Artikel können den Wettbewerb verzerren und zu einer unsachlichen Beeinflussung von Kaufentscheidungen führen.

Darüber hinaus drohen erhebliche Reputationsschäden für die betroffenen Marken. Gerade kleinere Labels und unabhängige Shops entscheiden sich häufig sehr bewusst gegen Amazon als Vertriebskanal – etwa aus Gründen der Markenpositionierung, der Preis- und Qualitätsstrategie oder aufgrund ethischer und nachhaltigkeitsbezogener Überlegungen. Werden ihre Produkte dennoch innerhalb der Amazon-App präsentiert, kann dies die Markenwahrnehmung nachhaltig beeinträchtigen. Für Kund:innen entsteht unter Umständen der Eindruck, das Label habe sich bewusst für Amazon entschieden oder unterstütze dessen Plattformlogik, obwohl dies gerade nicht der Fall ist.

Insgesamt wirft das Modell eine Vielzahl rechtlicher und wirtschaftlicher Fragen auf, die bei einer Einführung im europäischen Markt einer sorgfältigen Prüfung bedürften.

Amazon teilte uns dazu mit: „Shop Direct und Buy for Me sind Programme, die wir derzeit testen. Sie sollen Kund:innen dabei helfen, Marken und Produkte zu entdecken, die aktuell nicht im Amazon-Store verkauft werden, und gleichzeitig Unternehmen dabei unterstützen, neue Kund:innen zu erreichen und zusätzliche Umsätze zu erzielen. Wir haben zu diesen Programmen positives Feedback erhalten. Unternehmen können jederzeit per E-Mail an branddirect@amazon.com
aus den Programmen aussteigen, und wir entfernen sie dann umgehend. Amazon ist seit Langem ein Unterstützer kleiner und unabhängiger Unternehmen, und heute stammen mehr als 60 % der Verkäufe in unserem Store von unabhängigen Verkäufern, die unsere innovativen Tools und Services nutzen, um ihr Geschäft zu betreiben und Kund:innen zu bedienen.“