Künstliche Intelligenz statt geforderter Menschlichkeit bei Amazon
Aber, statt dass Amazon ihnen Menschlichkeit gibt, geben sie den Mitarbeitern noch mehr Programme, die von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Künstliche Intelligenz ist aber das Gegenteil von Menschlichkeit.
Ich persönlich glaube, dass viele Probleme mit einer verlängerten, 45-oder 60-Minuten-Mittagspause gelöst werden könnten. Ein bisschen Zeit zum Entspannen, um mit Freunden zu plaudern und auch um in Ruhe auf die Toilette zu gehen, mit anderen Worten: mehr Menschlichkeit. Aber scheinbar will Amazon das nicht.
Nicht nur die eigenen Mitarbeiter würden von Amazon vernachlässigt, sondern – entgegen der Amazon-typischen Kundenfokussierung – auch der Käufer, sagen Sie. Woran machen Sie das fest?
Amazons Suchmaschine ist nicht mehr das, was sie einmal war, was wahrscheinlich daran liegt, dass Amazon nun mehr als 100 Millionen Produkte führt. Darunter gibt es auch jede Menge Produkte mit mehreren Funktionen, zum Beispiel Elektrogeräte, die schleifen, sägen und bohren. Das wirft Fragen auf, die Amazon mit künstlicher Intelligenz zu lösen versucht, zum Beispiel: „Soll die Suchmaschine einem Kunden, der nach einem elektrischen Bohrer sucht, auch ein Multifunktionsgerät zeigen?” Vor dreißig Jahren hätte jeder Verkäufer diese Frage elegant und effizient gelöst. Heutzutage sind die die Hersteller der Geräte und auch die Kunden der Suchmaschine ausgeliefert.
Buch-Autoren haben es auch schwerer, weil Buchtitel nicht geschützt werden können. Aus diesem Grund habe ich Autoren schon vor Jahren empfohlen, einen Titel erst zu wählen, nachdem sie nachgesehen haben, ob jemand anders den gewünschten Titel schon verwendet hat.
Dazu kommt noch das Problem mit Amazons vielen Anzeigen. Hier in den USA ist es kein Geheimnis, dass sich Amazons E-Commerce-Plattform in eine „Pay-To-Play-Plattform“ („Wenn Sie mitspielen wollen, müssen Sie bezahlen”) verwandelt hat. Das sollte nicht nur den Händlern, sondern auch den Käufern zu denken geben. Bekommen diese das Produkt zu sehen, das sie suchen – oder die Produkte, die Amazon ihnen zeigen will?
„Jeff Bezos macht, was für Jeff Bezos gut ist.“
Wie sehen Sie Ihren Ex-Chef Jeff Bezos? Und glauben Sie, dass sich mit Andy Jassy, dem neuen Chef, etwas bei Amazon verändern wird?
Ha… Ich habe Jeff Bezos vor Jahren irrsinnig bewundert, weil er das Verlagswesen und den Buchverkauf in das 21. Jahrhundert gebracht hat. Das war eine gigantische Leistung. Man hätte ja meinen müssen, dass die Buchkette Barnes & Noble, die damals fast 1.000 Geschäfte in den USA hatte, oder einer der fünf Riesenverlage in den USA sich damit auseinandergesetzt hätte. Aber die haben sich ein bisschen wie Kodak verhalten, die auch zu Beginn der Digitalisierung am Fotofilm festgehalten haben. Dieser Tage habe ich eher den Eindruck, Jeff Bezos macht, was für Jeff Bezos gut ist.
Von Andy Jassy weiß ich nicht viel. Ich versuche aber, optimistisch zu denken, dass er der richtige Mann ist, um Amazons Probleme unter Kontrolle zu bringen. Und da ist viel zu tun. Auf der US-Wikipedia ist die Webseite „Kritik an Amazon” 15 Seiten lang. Möglicherweise macht Andy Jassy schon erste Versuche. Amazon hat ja vor Kurzem zwei Millionen Fake Products rausgeschmissen. Man kann also hoffen, dass das ein erster Schritt in die richtige Richtung war.
Gesellschaftszerstörende Probleme bei Amazon
Wenn Amazon allerdings nicht die Probleme der Warenhäuser löst, von denen ich viele in meinem Buch beschrieben habe, und auch keine neue Position in Bezug auf die Steuersituation auf mehreren Kontinenten einnimmt, könnten die Dinge kompliziert werden. Denn im Unterschied zu der Frage, ob Amazon-Kunden die passenden Artikel zu sehen bekommen, sind diese Probleme letztendlich gesellschaftszerstörend.
Ihr eigenes Anti-Amazon-Buch wird natürlich auch über Amazon verkauft – ist das nicht etwas doppelmoralisch?
Ich würde mein Buch nicht als Anti-Amazon Buch bezeichnen, sondern als ein Buch, das eine Evolution aufzeigt, so wie ich sie beobachtet und erlebt habe.
Die Autoren, die in den letzten zehn Jahren zu publizieren begonnen haben, wissen nicht einmal, was Jeff Bezos für sie getan hat. Aus meiner Sicht war Bezos von 1995 bis 2010 ein Revolutionär, ein neuer Gutenberg, ein Verteidiger des First Amendments (der 1. Zusatzartikel der US-Verfassung, der u. a. Rede- und Pressefreiheit sicherstellt), ein Erfinder, und ein Geschäftsmann der neue Märkte erschlossen hat, die andere übersehen haben. Und so er hat es geschafft, dass heutzutage die meisten Konsumenten Amazon als „den Buchhändler” sehen und ich mein Buch auf Amazon anbieten muss.
Ich glaube aber, dass Amazon, und vielleicht auch Jeff Bezos selbst, mein Buch gefällt. Mein Buch ist erst das dritte Buch, das von jemandem geschrieben wurde, der bei Amazon gearbeitet hat. Obwohl Amazon auf die beiden anderen Bücher negativ reagiert hat, haben sie zumindest bis jetzt an meinem Buch keine Kritik geübt. Ich glaube, dass das so ist, weil mein Buch fair und konstruktiv ist. Wahrscheinlich findet es sogar Amazons Führungsebene interessant.
Vielen Dank für das Gespräch!
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