Preisdiktat und Buy Box: Amazon soll Händler und Hersteller unter Druck setzen

Veröffentlicht: 25.11.2024
imgAktualisierung: 26.11.2024
Geschrieben von: Christoph Pech
Lesezeit: ca. 4 Min.
25.11.2024
img 26.11.2024
ca. 4 Min.
Amazon Logo
Stock_Market_Visuals / Depositphotos.com
Amazon soll die Buy Box als Druckmittel gegen Händler benutzen, Preise diktieren und einen perfiden Maßnahmenkatalog für Hersteller haben.


Amazon soll seine Marktmacht missbrauchen, um die Preise für Produkte zu diktieren. Marktplatz-Händler:innen würden unter Druck gesetzt, sodass sie ihre Produkte anderswo nicht günstiger verkaufen als bei Amazon. Gleichzeitig würden Hersteller mit eng gestrickten Verträgen dazu getrieben, Preise nach Amazons Vorstellungen zu gestalten und möglichst geringe Gewinnmargen in Kauf zu nehmen – in einem umfangreichen Bericht des Wirtschaftsmagazins Plusminus werden schwere Vorwürfe gegen Amazon Deutschland erhoben.

Das Magazin schildert den Fall des Händlers Christian Pietsch, der unter der Marke Gusti Leder Lederwaren in Deutschland verkauft. Einer der wichtigsten Vertriebskanäle ist dabei Amazon. Zufrieden ist er mit dem Marktplatz aber schon lange nicht mehr. Immer neue und höhere Gebühren, darüber hinaus steigende Ausgaben für Marketing, führen laut Pietsch dazu, dass der Verkauf auf Amazon für Händler:innen immer teurer werde.

Buy Box als Druckmittel

Gerade die Marketing-Ausgaben seien aber notwendig, denn Amazon erlaube es der Konkurrenz, Werbung auf den Suchbegriff „Gusti Leder“ zu schalten. Wer danach sucht, erhält also auch Suchergebnisse anderer Anbieter. „Das heißt, wir müssen jetzt Geld dafür bezahlen, dass, wenn man Gusti Leder sucht, man auch Gusti Leder findet“, so Pietsch. 56 Prozent des Erlöses für jedes verkaufte Produkt gehe laut Pietsch mittlerweile an Amazon. Um die Rentabilität zu erhöhen, müsse er also die Preise erhöhen.

Das große Problem: Wenn er das tut, dann müsste er auch die Preise auf anderen Kanälen – bei Gusti Leder sind das Zalando und Otto.de – erhöhen. Bietet er seine Produkte dort nämlich günstiger an als bei Amazon, dann werde er dort nicht mehr in der Buy Box gelistet, sagt er. Falls dieses Vorgehen wirklich zutrifft, könnte Amazon Probleme mit den Kartellbehörden bekommen. Früher hatte Amazon die Preisparitätsklausel, die es Händler:innen untersagte, Produkte woanders günstiger anzubieten. Um Sanktionen des Kartellamts zu entgehen, gab der Konzern diese Praxis auf. Wenn Amazon mit dem Entziehen der Buy Box nun aber wirklich dafür sorgt, dass der günstigste Preis nicht anderswo angeboten wird, dürfte sich das Kartellamt den Sachverhalt erneut anschauen.

Bestimmt Amazon den Preis?

Mit diesem Vorgehen würde Amazon letztlich dafür sorgen, die Preise künstlich hochzuhalten. Christian Pietsch beklagt, dass durch Amazons Druck das Produkt nicht zu dem Preis verkauft werden kann, zu dem man es theoretisch verkaufen könnte. Schon 2016 hat er damit begonnen, parallel zum Online-Geschäft auch stationäre Läden zu betreiben. Dort seien die Margen ohne den Druck von Amazon ungleich höher, sagt er.

Diese Methoden von Amazon bestätigt auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Fiona Scott Morton von der Yale University in den USA. Wenn Händler:innen auf anderen Plattformen keine geringeren Preise anbieten können, bestimmt Amazon letztlich den Produktpreis – und verhindert damit günstigere Angebote. Eine ehemalige Amazon-Managerin bestätigt gegenüber Plusminus: „Amazon hat gar kein Interesse, dem Kunden einen guten Preis zu geben. Die haben nur ein Interesse, den Wettbewerbern das Geschäft wegzunehmen.“

Maßnahmenkatalog für Hersteller

Dem ARD-Magazin wurden darüber hinaus vertrauliche, interne Dokumente zugespielt, die verdeutlichen sollen, dass Amazon auch Hersteller unter Druck setzt. Diese müssen gewisse Prognosen oder Margen-Forderungen einhalten, ansonsten drohen bestimmte Sanktionen. Eine Anleitung mit verschiedenen Eskalationsstufen, die die Bezeichnung MRA trägt, soll Amazon-Manager dabei anleiten, wann welche Stufe „gezündet“ wird.

Zunächst würden etwa Marketing-Aktivitäten eingeschränkt. Im zweiten Schritt werde es der Konkurrenz erlaubt, Werbung auf den Markennamen des Unternehmens zu schalten. Das Ziel: Markenhersteller sollen ihre Produkte nicht woanders günstiger anbieten. Die letzte Eskalationsstufe sei die Entfernung aller Produkte des Herstellers vom Amazon-Marktplatz. Die ehemalige Amazon-Managerin, die im Plusminus-Bericht aus Angst vor Sanktionen anonym bleiben will, sagt, dass es letztlich darum gehe, „Hersteller in die Knie zu zwingen“. Die genannten Maßnahmen seien in dieser Form auch schon durchgeführt worden, sagt sie.

Amazon reagiert ausweichend

Gegenüber Plusminus hat sich Amazon bezüglich der MRA nur ausweichend geäußert: Amazon verhandele wie alle Einzelhändler mit Lieferanten. „Diese gängige Praxis fördert einen gesunden Wettbewerb im gesamten deutschen Einzelhandelsmarkt. Wir setzen alles daran, mit Lieferanten zu einvernehmlichen Vereinbarungen zu kommen und langfristige, nachhaltige Beziehungen aufzubauen.“ Gegenüber OHN gibt der Konzern die gleiche Antwort.

Auf OHN-Nachfrage äußert sich der Marktplatz ebenfalls nicht direkt auf die erhobenen Vorwürfe. Bezüglich dem Vorgehen bei von der Konkurrenz geschalteter Werbung erklärt eine Amazon-Sprecherin: <meta charset="utf-8">Werbung neben den Marken anderer Unternehmen ist in der Werbung gang und gäbe. Sie kommt sogar in physischen Marketingkampagnen vor, z. B. durch die Platzierung von Werbetafeln oder anderen Schildern in unmittelbarer Nähe zum Standort eines Konkurrenten. Diese Praxis ist gut für die Kundinnen und Kunden – sie erhöht die Sichtbarkeit und bietet ihnen mehr Auswahlmöglichkeiten.

Der Fokus liege auf dem Erlebnis der Kund:innen, dementsprechend würden Produkte für die Buy Box ausgewählt und dementsprechend zeige man auch Konkurrenzprodukte bei Suchanfragen an, die Kund:innen möglicherweise interessierten könnten - so jedenfalls die Amazon-Sichtweise. Konkret wird Amazon, angesprochen auf die Vorwürfe, nicht.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 25.11.2024
img Letzte Aktualisierung: 26.11.2024
Lesezeit: ca. 4 Min.
Artikel weiterempfehlen
Christoph Pech

Christoph Pech

Christoph schreibt über KI, digitale Innovationen und Payment-Lösungen – immer mit einem Blick auf smarte Technologien.

KOMMENTARE
14 Kommentare
Kommentar schreiben

Markus
01.12.2024

Antworten

Amazon soll die Buy Box als Druckmittel gegen Händler benutzen, Preise diktieren und einen perfiden Maßnahmenkatalog für Hersteller haben. Nein, doch, ohh
Aisteg
30.11.2024

Antworten

2016 1,2Mio. Umsatz auf Amazon - heute 0 Euro! Wir haben unsere gesamte Kraft in den Aufbau des eigenen Shops gesteckt (sehr hartes Umfeld von Resellern) und machen heute 20% weniger Umsatz bei 25% mehr Rendite - ABER weniger Kosten auch für Mitarbeiter (einer weniger), DHL und Verpackungsmaterial. Dazu ist der Umsatz pro Paket deutlich gestiegen.
Mario
28.11.2024

Antworten

Ja selbst als Markeninhaber darf ich nicht über meine Preise entscheiden. Wenn ich zu stark erhöhe, verliere ich die Buybox. Das ist einfach unglaublich was sich Amazon da herausnimmt.
Werner
28.11.2024

Antworten

Ja, bei uns werden auch regelmäßig Produkte "abgestraft" ,also keine Buy-Box mehr, da angeblich "irgendwo" günstiger. Wir werden hintenrum zum Preis senken gezwungen. Das Kartellamt ist leider mit kleinen Brauereien beschäftigt und hat scheinbar Angst vor amazon. Der Riese kann somit ungehindert wachsen ...
Sascha Ballweg
27.11.2024

Antworten

Bei uns war es jüngst sogar so, dass eine einzelne unserer T-Shirt Artikelvarianten (eine Shirtgröße) bei Amazon nicht als Bestellbar angezeigt wurde, mit einem Hinweis wie "Artikelpreis entspricht nicht dem Marktpreis" (oder so ähnlich) obwohl alle anderen Größen den selben Preis hatten und wir dieses Anti-Schweiß Shirt exklusiv verkaufen, da uns die Marke laulas gehört. Leider habe ich das nicht per Screenshot festgehalten, sondern nur einem Mitarbeiter gezeigt, ansonsten hätte ich das dem Kartellamt sehr gern zur Verfügung gestellt :E
Alex
26.11.2024

Antworten

"„Das heißt, wir müssen jetzt Geld dafür bezahlen, dass, wenn man Gusti Leder sucht, man auch Gusti Leder findet" => das ist auf eigentlich jeder Plattform so, außer im eigenen Shop (Google [Stichwort Brand bidding], aber auch allen möglichen Marktplätze. [Stichwort Retail Media]). Warum geht man überhaupt auf den Marktplatz, denn man weiß doch, dass man am Ende des Tages der Plattform ausgeliefert ist? Für Händler war das noch nie nachhaltig. Am Ende braucht man möglichst eigenen Kundenzugang. Das empfehlen wir auch schon seit Jahren unseren Kunden.
Anoymus
26.11.2024

Antworten

Kurz und knapp, ja hier hat Pietsch recht, Amazon wirft selbst Eigenmarken aus der Buybox. Sobald man seine Produkte auf einer anderen Plattform wie Otto oder Kaufland günstiger anbietet, außer als Angebotspreis ist man bei Amazon abgestraft. Wir kämpfen hiermit seit Jahren. Definitiv etwas für das Kartellamt, aber ob hier etwas passiert, eher fraglich.
Dirk
25.11.2024

Antworten

Bei mir sind es keine Verträge. Aber wir verkaufen Produkte zu dem Preis wie im normalen Handel. Versenden aber selber. Andere Händler verkaufen teurer, aber lassen über Amazon ausliefern. Die bekommen immer den Buy Button Ich werde jede Woche aufgefordert günstiger zu verkaufen. Manchmal sind die Artikel dann nicht mehr bestellbar, weil das Herkunftsland nicht mehr passt, oder ähnliches. Wir sind kein Riesenhändler, aber den Soass schon lange verloren.
Robert
25.11.2024

Antworten

Jeder, der bei Amazon verkauft, kennt die fragwürdigen Praktiken des Konzerns, insbesondere im Hinblick auf die aggressive Preisgestaltung. Produkte werden teilweise für unter 2 € inklusive Versand angeboten – ein Preisniveau, mit dem weder der Hersteller noch andere Plattformen oder der eigene Onlineshop mithalten können. Amazons nahezu unantastbarer Status ist dabei längst bekannt. Händler stehen aktuell unter erheblichem Druck, die strikte Einhaltung der GPSR zu gewährleisten, während Amazon sich selbst Monate Zeit lässt, um einfache Dateneingaben zu prüfen. Bei uns sind beispielsweise seid Monaten eingegebene Herstellerdaten immer noch in Prüfung. Die Vielzahl an Richtlinien ist kaum dauerhaft erfüllbar. Früher oder später trifft es fast jeden Händler: Sei es durch die Sperrung einer ASIN wegen vermeintlicher Verstöße oder durch die Vernichtung von Waren, oft auf Basis von Gründen, die Amazon offenbar selbst konstruiert. Der Versuch, den Support zu kontaktieren, gleicht häufig einem Gespräch mit einer Wand. Ob Hersteller, Markeninhaber oder kleines und mittleres Unternehmen – früher oder später hat jeder bei Amazon mit Problemen zu kämpfen. Während KMUs aufgrund ihrer Flexibilität oft noch die Möglichkeit haben, problematische Artikel aus dem Sortiment zu nehmen, wird es für Hersteller oder Markeninhaber ungleich schwieriger, eine Lösung zu finden. Es ist längst überfällig, Amazons Marktmacht kritisch zu hinterfragen, denn das Verhalten des Konzerns zeigt immer stärkere problematische Tendenzen. Solange jedoch genügend Hersteller bereit sind, sich von Amazon melken zu lassen, wird dieses aggressive Preisspiel weitergehen. Doch wie es so treffend heißt: Kein Imperium währt ewig.
Ralf
25.11.2024

Antworten

Amazon missbraucht seine Marktmacht? Ist ja mal was ganz Neues. Aber wenn interessiert es und ausser Säbel rasseln macht das Kartellamt ja auch nicht, so what? Schließlich hat Amazon ja 40.000 Arbeitsplätze geschaffen, die, ohne Amazon, auf anderen KMUs verteilt wären, wo es bessere Arbeitsbedingungen gegeben hätte.
Ayhan
25.11.2024

Antworten

Amazon bestimmt schon lange den Buybox Preis. Laut deren Anzeige im sellercentral müssen wir den „Wettbewebsfähigen Preis“ in der Buybox anbieten, damit wir die Buybox in den Listings erhalten. Was viele retailer und brandinhaber starke Probleme bereitet. Denn ist es nicht machbar. Gibt es keine Buybox so sinkt die Sichtbarkeit und die Sales.
K.I
25.11.2024

Antworten

Meinung: "Um die Rentabilität zu erhöhen, müsse er also die Preise erhöhen." Wenn dann die Preise erhöht werden steigen natürlich auch wieder die Verkaufsgebühren die in die Taschen von Amazon gehen. "Amazon reagiert ausweichend" hat jemand etwas anderes erwartet???? Wann endlich begreifen das auch die Kunden und kaufen in seriösen Online Shops??? Und das dann zum kleinen Preis!!!
GG
25.11.2024

Antworten

Entzogenes Einkaufsfeld als Druckmittel -> Kann man nur bestätigen. Wir haben auch genug Beispiele. Auch egal, wenn die anderen Marktplätze mit überteuerten Versandkosten arbeiten. Diese Logik versteht der Algorithmus, der die Seiten crawlt wohl nicht. Mich wundert nur, dass dies jetzt erst Thema ist oder ihr auch nicht wisst? Es wird eh nichts passieren oder Amazon findet ein neues Schlupfloch.
käufer
25.11.2024

Antworten

Ich kann nichts verwerfliches erkennen. Es sollte doch jedem klar sein, dass man seine Seele verkauft, wenn man mit dem Teufel ins Bett steigt. My Marktplatz - my rules!