Immer häufiger berichten Online-Händler:innen über plötzliche ASIN-Sperrungen auf Amazon, ausgelöst durch angebliche Markenrechtsverletzungen. Dahinter steckt oft keine echte Schutzstrategie, sondern ein gezielter Missbrauch rechtlicher Mechanismen – häufig initiiert durch ausländische Antragsteller:innen (z. B. aus China).

Das Ziel: Die Sperrung wirtschaftlich erfolgreicher Angebote, gefolgt von Erpressungsversuchen. Die Plattformmechanik macht es möglich – die Händler:innen tragen den Schaden.

Typischer Ablauf: So funktioniert das System

  • 1. Markenanmeldung: Ein Dritter meldet eine neue Marke an, oft exakt passend zur Produktnische eines erfolgreichen Amazon-Seller-Accounts.
  • 2. Infringement-Meldung: Kurz nach Registrierung erfolgen Meldungen über angebliche Markenrechtsverletzungen.
  • 3. Automatisierte Sperrung durch Amazon: Ohne vertiefte Prüfung deaktiviert Amazon betroffene ASINs – die Sichtbarkeit und der Umsatz brechen ein.
  • 4. Erpressung: In manchen Fällen folgen direkte Zahlungsaufforderungen über Kanäle wie Telegram.

Beispiel aus der Praxis:
Ein aktueller Fall der Kanzlei LHR zeigt das perfide Vorgehen der Konkurrenz auf: Ein deutscher Händler wurde nach ASIN-Sperrung zur Zahlung von 20.000 USD aufgefordert – mit der Drohung weiterer Take-Downs bei Nichtzahlung.

Dieses Vorgehen funktioniert nicht nur deswegen so gut, weil bei Amazon die meisten Prozesse automatisiert ablaufen, sondern auch wegen der behördlichen Abläufe: Weder EUIPO noch DPMA prüfen ältere Rechte bei einer Markenanmeldung. Hinzu kommt noch, dass Widerspruchs- oder Löschungsverfahren Zeit benötigen; die Sperre wirkt sofort.

Was betroffene Händler:innen tun können

✅ Vorbeugung: Schutz statt Reaktion

  • Frühzeitig eigene Marke anmelden (national, EU-weit oder international je nach Zielmarkt).
  • Schutz auf relevante Waren- und Dienstleistungsklassen ausrichten.
  • Auch Wort-/Bildmarken prüfen, wenn Logos oder Verpackungen geschützt werden sollen. 

✅ Im Ernstfall richtig reagieren

  • Sofort dokumentieren: Screenshots, E-Mails, Markenregisterauszug, Verkaufszahlen.
  • Amazon strukturiert informieren: Klare Darstellung der Rechtslage, Hinweis auf Widersprüche/Löschungsverfahren.
  • Juristische Schritte einleiten: Widerspruch gegen die Marke (innerhalb der Frist, meist 3 Monate), Löschungsantrag wegen Bösgläubigkeit (strategischer Missbrauch), gegebenenfalls zivilrechtliche Schritte wegen Erpressung oder unlauterem Wettbewerb.

Tipp: Der Nachweis einer älteren Benutzung kann entscheidend sein. Screenshots, Rechnungen oder Kataloge mit Zeitstempel sind hilfreich.

⚠️ Zahlungsaufforderungen über Telegram & Co. nie ignorieren; aber auch nicht zahlen

  • Solche Forderungen sind kein legitimer Verhandlungsversuch, sondern ein Hinweis auf kriminelles Verhalten.
  • Anzeige bei Polizei prüfen.
  • Kommunikation sichern.

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