Neue Amazon-Richtlinie zwingt Spielwarenhandel in die Knie - Update

Veröffentlicht: 23.09.2025
imgAktualisierung: 21.10.2025
Geschrieben von: Ricarda Eichler
Lesezeit: ca. 3 Min.
23.09.2025
img 21.10.2025
ca. 3 Min.
Die Hände des Weihnachts-Hassers Grinch entnehmen ein Geschenk aus einem Weihnachtsstrumpf.
serezniy / Depositphotos.com
Wer Spielzeug verkauft, soll fortan jährlich Zertifizierungsdienste beauftragen. So stresst Amazon jetzt Seller vorm Weihnachtsgeschäft.


Eine der am besten laufenden Produktkategorien innerhalb der gesamten Peak-Season sind stets Spielwaren. Schließlich kennt nahezu jeder irgendjemanden mit Kind(ern) und erfreut sich zu gerne am Leuchten in den Augen beim Anblick eines Geschenks.

Im Hause Amazon hat man sich jetzt offenbar durch den Weihnachts-Gegner Grinch inspirieren lassen. Denn eine neue Richtlinie – pünktlich zur Peak-Season – fordert Seller dazu auf, einen durch Amazon zugelassenen Drittanbieter mit einer umfassenden Sicherheitsprüfung zu beauftragen. Kommt man dem nicht bei, drohen Produktsperrungen.

Jährliche Zertifizierung: das verlang Amazon jetzt

Zahlreiche Amazon Seller meldeten sich kürzlich bei uns sowie über das Amazon Sellercentral Forum mit Hinweisen auf eine neue Anforderung seitens Amazon. Diese fordern künftig dazu auf, für Produkte, die Amazon als „Spielzeug“ klassifiziert, regelmäßige Prüfungen bei einem zugelassenen Test-, Inspektions- und Zertifizierungsdienstleistungen (TCI) zu veranlassen.

Im Rahmen der Tests soll nachgewiesen werden, dass die europäischen Spielzeugrichtlinien EN 71 und EN 62115 erfüllt sind. Wie aus einer OnlinehändlerNews vorliegenden Amazon-Rückmeldung an einen Seller hervorgeht, müssen die Testberichte zudem durch den Testdienstleister direkt an Amazon übermittelt werden. Eine Übermittlung durch den Seller sei nicht zulässig.

Was versteht Amazon als Spielzeug?

Wie Amazons Informationsseite rund um das Thema „Kinderspielzeug“ ausführt, werden unter diesem Begriff grundsätzlich Produkte für Kinder unter 14 Jahren verstanden, welche zum Zweck des Lernens oder Spielens beabsichtigt sind. Hierbei werden sowohl Altersangaben auf der Produktverpackung, als auch die Darstellung des Produkts in Werbung und die allgemeine Auffassung des Produkts als maßgeblich hinzugezogen.

In der Praxis scheint das jedoch nicht immer so eindeutig, vor allem wenn Amazon die unzähligen Produkte auf dem Marktplatz automatisiert klassifizieren lässt. So sollen auch bereits Produkte, die eher für Erwachsene mit Sammelleidenschaft gedacht sind, fälschlicherweise unter die neuen Anforderungen gefallen sein.

In der uns vorliegenden Nachricht heißt es vom Unternehmen weiter: „Produkte werden anhand verschiedener Merkmale als Spielzeug klassifiziert, darunter ihr Spielwert, ihre Attraktivität für Kinder, das vom Hersteller empfohlene Mindestalter sowie weitere Faktoren.

Amazons Timing gefährdet das Weihnachtsfest

Wer den Anforderungen nachkommen möchte, sollte sich jedenfalls beeilen, denn ohne vorliegende Prüfberichte droht die Sperrung der Produkte zur umsatzstärksten Zeit des Jahres. Die Liste der für Deutschland und die anderen europäischen Märkte zugelassenen Prüfstellen beläuft sich aktuell auf gerade einmal 27 Institutionen. Der Andrang an diese dürfte aktuell hoch sein.

Eine konkrete und allgemeingültige Frist für die Einreichung gibt es dabei nicht. Stattdessen rollt Amazon die Anforderung individuell aus. Blickt man beispielsweise in die USA, trat die Neuerung dort bereits zum 3. September in Kraft. Sellern wurde geraten, ihr Account Health Dashboard für die individuellen Deadlines im Blick zu behalten.

Kritik aus der Sellergemeinschaft: „20.000 Euro pro Jahr!“

Im deutschen Sellercentral Forum beschweren sich Diskussionsteilnehmende derweil nicht nur über das schlechte Timing und die geringe Vorlaufzeit. Eine Person fasst die größten Probleme wie folgt zusammen:

Die größten Schwierigkeiten dabei:
1. Keine Akzeptanz bestehender Zertifikate/Testberichte (...)*
2. Jährliche Prüfpflicht trotz mehrjähriger Gültigkeit (...)*
3. Praktische Probleme bei Fristen (...)
4. Viele unserer Produkte aus den Zertifikaten sind noch nicht bei Amazon gelistet (...)

Eine weitere Person bringt den Kostenfaktor ins Spiel: „Wenn nur jede Prüfung 100 Euro kostet, sind das pro Jahr bei mir 200.000 Euro Gebühren für den externen Dienstleister.“

Gerade die mangelnde Akzeptanz bestehender Zertifikate von Prüfstellen, die nicht auf Amazons Liste stehen, stellt für viele ein unverständliches Problem dar. Dabei behält Amazon sich die Hoheit vor, zu entscheiden, welche Zertifizierungsstellen annehmbar sind und welche nicht. Selbst Produkte von großen, zertifizierten Spielwarenherstellern müssen so unter Umständen eine erneute Zertifizierung ablegen – und das jährlich. Für Seller bedeutet das einen enormen Verwaltungs- und Kostenaufwand.

Hinweis der Redaktion: Eine vorherige Fassung dieses Artikels, sowie insbesondere die mit * markierten Kritikpunkte aus dem Sellercentral Forum erweckten den Eindruck, dass vorliegende Zertifikate nicht akzeptiert würden und in jedem Fall eine jährliche Testung gefordert würde. Aus Unternehmenskreisen haben wir hierzu mittlerweile den Hinweis bekommen, dass dieser Umstand auf den Informationsseiten etwas missverständlich ausgedrückt war. Bestehende Testberichte können durch die angegebenen Zertifizierungsdienste validiert werden. Eine erneute Testung werde zudem nur dann fällig, wenn das Produkt durch den Hersteller aktualisiert oder verändert wird oder sich die Vorschriften ändern.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 23.09.2025
img Letzte Aktualisierung: 21.10.2025
Lesezeit: ca. 3 Min.
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Ricarda Eichler

Ricarda Eichler

Ricarda berichtet über digitale Themen und spricht in Interviews und Podcasts mit spannenden Stimmen aus der Branche.

KOMMENTARE
5 Kommentare
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Alexander
28.10.2025

Antworten

Und in China wird gerade irgendwelches Spielzeug, was irgenwie irgendwo hergestellt wurde, weder geprüft noch getestet, noch mit Hinweisen versehen in eine Temu Tüte gepackt und nach Deutschland geflogen. Das ganze ist nur noch vollkommen abartig cazy.
André
24.09.2025

Antworten

Was hat das mit Trump zu tun? Nur in Deutschland gibt es solchen Unsinn und vielleicht noch in der EU, es dient allein dazu uns alle zum aufgeben zu zwingen, da wir bei diesem ganzen Unsinn keine Zeit mehr für die Arbeit haben. Dazu die Kosten, es lohnt einfach nicht mehr. In den USA kann man nach wie vor gutes Geld verdienen mit dem Onlinehandel ohne diesen ganzen Unsinn den man uns hier auferlegt. Wir haben hier keine Lobby und nur deshalb funktioniert es.
KI
23.09.2025

Antworten

Meinung: Trump und Kumpels lassen Grüßen! einfach nur noch abartig und krank diese Tech Giganten aus den USA
ralf
23.09.2025

Antworten

Und welchem Zweck dient das Ganze? Natürlich um die lästige Konkurrenz auf der eigenen Plattform loszuwerden, denn Amazon selber ist ja selber im Spielzeugbereich gut vertreten. Aber so ist das halt, mit Produkten und Bereiche die bei Amazon gut gehen. Auch wir haben schon Produkte gesperrt bekommen, weil diese gut liefern und dann aber von Amazon selber angeboten wurden. Amazon lässt sich immer neue Methoden dafür einfallen. Ich gehe davon aus, dass Amazon nur deswegen bestimmte Prüfstellen zulässt, damit man gewünschte Produkte dort "durchfallen" lassen kann, was auch der Grund ist, warum die Berichte nur von den Prüfstellen übermittelt werden dürfen, damit der Seller weniger mitbekommt, was hinter dem Vorhang geschieht. Meinesachtens ist das ein Fall für das Kartellamt. Den dafür spricht: 1. die kurze Vorlaufzeit 2. und das vor der Weihnachtssaison 3. das nur von Amazon autorisierte Prüfstellen zulässig sind. 4. das jährlich geprüft werden soll, obwohl Prüfzertifikate mehrjährig gelten 5. Auch Spielzeug von zertifizierten Hersteller, die schon zertifiziert sind, sind betroffen 6. Zumal Amazon selber klassifiziert, was Spielzeug ist, kann das über die Grenzen des "Spielzeugs" hinaus ausgedehnt werden. Wenn das nicht ausreicht, um vom Kartellamt mal einen Blick drauf zu werfen, dann ist das unverständlich. Mehr kann man ja wohl kaum eine Marktmacht ausnutzen.
Martina
23.09.2025

Antworten

Das ist absolut inakzeptabel. Für was müssen wir bereits gewährleisten, dass die Konformitätsunterlagen vorliegen. Für was prüfen wir ob eine CE-Kennzeichung vorliegt, wenn dies nicht von Amazon aktzeptiert wird. Bereits durch die GPRS und BattG sind zahlreiche Produkte inaktiv aufgrund der langen Wartezeit der Prüfung durch Amazon! Jetzt weitere inaktive Produkte. Von meinen Produkten ist bereits die Hälfte inaktiv, da ich als Einzelunternehmer kaum nachkomme die Konformitätsunterlagen und Bilder der Etiketten vorzulegen. Noch zu erwähnen, dass bei den älteren Produkten die Konformitätsunterlagen nicht vorliegen müssen im eigenen Shop und der Hersteller diese auch nicht für ältere Artikel zur Verfügung stellt. Bei den Artikel mit Batterien muss man erst Fälle eröffnen und langwierig bearbeiten, bis das Produkt wieder freigeschalten wird. Hinzu kommt noch, dass vereinzelte Artikel nun einer Freischaltung unterliegen die der Hersteller aber gar nicht veranlasst hat. Für mich als Kleinunternehmen leider das aus, denn ohne Marktplätze kann mein Online Shop nicht überleben, da Kunden sich leider zu sehr auf Amazon verlassen! Sehr Schade, dass man hier keinen Widerspruch einlegen kann, da ich mir diese Tests bei bereits 80 Produkten gar nicht leisten kann!