Eigenmarken: Bekommt Amazon die gleichen Probleme wie Microsoft und Google?
Amazon hat in den vergangenen Jahren immer mehr Eigenmarken gestartet und tritt mit Händlern dadurch noch intensiver in Konkurrenz. Wie wird sich Ihrer Meinung nach diese Entwicklung fortsetzen und auf das Verhältnis zwischen Amazon und Herstellern auswirken?
Ich gehe davon aus, dass sich die Entwicklung weiter fortsetzt, aber die Eigenmarken werden noch stärker von den Retail-Teams getrennt werden als jetzt schon. Das Risiko des Datenmissbrauchs zum Wettbewerbsvorteil ist real. Wichtig dabei ist es, nicht zu vergessen, dass alle Handelsketten auf Eigenmarken setzen, um im niedrigen Preissektor ein Angebot mit höherer Marge platzieren zu können – in der Regel in Kooperation mit den „Marken“-Herstellern als Whitelabel, die dadurch ihre Kapazitäten auslasten/steigern können. Das Ausmaß bei Amazon mit Hunderten Marken in allen Bereichen ist natürlich außergewöhnlich, aber den Maßstäben Amazons geschuldet.
Wenn man jedoch wie Amazon den Anspruch des kundenzentriertesten Marktplatzes der Welt hat, finde ich die extra Platzierungen der Eigenmarken auf der Seite schwierig, aber betriebswirtschaftlich verständlich. Hier werden wir sicherlich noch an den Punkt kommen, dass Amazon auf wettbewerbsrechtlicher Seite Probleme bekommen wird – wie Microsoft mit vorinstallierten Browsern auf Windows oder Google bei der Priorisierung der eigenen Produkte in der Suche.
Für den einzelnen Händler oder Hersteller gilt jedoch unabhängig davon: Die eigenen Produkte brauchen einen USP, ein faires Preis-Leistungsverhältnis oder eine starke Brand, um im Wettbewerb – egal ob mit Amazon selbst oder Dritten – bestehen zu können.
Amazon als Erweiterung des eigenen Online-Shops, als wichtigster Vertriebskanal, als Full-Service-Plattform oder als Business-Partner im Vendor-Bereich – die Möglichkeiten für Händler und Hersteller sind riesig. Ihrer Erfahrung nach: Wie leicht oder schwer fällt es Händlern, die richtige Strategie für sich zu finden? Warum ist das so?
Die Entscheidung ist in der Regel leider schon durch die vorhandenen Strukturen vorgegeben. Nur mit entsprechender Top-Management-Unterstützung, Investitionswillen und Zeit lässt sich eine komplett eigene E-Commerce-Struktur aufbauen. Da ist es meist allein aus logischen Gründen einfacher, den Weg als Vendor oder als Seller mit Logistikunterstützung durch Amazon (FBA) zu gehen. Dazu spielen häufig Preiskontrolle und politischer Druck durch die bestehenden Vertriebskanäle eine zusätzliche Hürde, Strategien mit Weitsicht einzuschlagen.
Was wir also bisher häufig gesehen haben, ist Pragmatismus, der quartalsweise denkt. Wir merken jedoch seit ca. 18 Monaten und jetzt verstärkt durch Corona und auch den zeitweisen Einlieferstopp von Amazon, dass das Strategie-Thema nicht nur bei Amazon-Neulingen, sondern auch bei alten Hasen deutlich höher auf der Prioritätenliste steht!
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