Amazons unverpackte Retouren: Halb durchdacht ist ganz gescheitert

Veröffentlicht: 01.04.2025
imgAktualisierung: 01.04.2025
Geschrieben von: Christoph Pech
Lesezeit: ca. 3 Min.
01.04.2025
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ca. 3 Min.
Nahaufnahme von Amazon Prime Paket
dennizn / Depositphotos.com
Retouren kostenpflichtig zu machen, ist richtig. Damit aber die unverpackte Rücksendung zu fördern, ist eine von Amazons schlechteren Ideen.


Es ist ja eigentlich löblich. Seit Jahren explodiert die Zahl der Pakete, die quer durch Deutschland gefahren werden, weil es die Kundschaft längst gewohnt ist, nicht benötigte Produkte kostenlos wieder zurückzuschicken. Da werden zehn T-Shirts in unterschiedlichen Größen und Farben gekauft und neun werden wieder zurückgesendet. Man wollte eh nur eins und es kostet ja nichts. Amazon als größter Marktplatz hat entscheidenden Anteil daran, dass die Kund:innen die kostenlose Retoure erwarten – und die Konkurrenz muss mitziehen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben will.

Dass an dieser Stelle schon seit einer Weile ein Umdenken stattfindet, freut die Branche, denn natürlich ist eine kostenlose Retoure nicht kostenlos – sie wird nur vom Seller bezahlt. Und dass ausgerechnet Amazon jetzt eingesehen hat, dass kostenlos nicht gleich kostenlos ist und dass der Umwelt mit diesem System kein Gefallen getan wird, ist eben erst einmal: löblich. Allerdings nur auf den ersten Blick.

So viel Problem, so wenig Lösung

Jetzt also: Retoure in der Verpackung kostet, ohne Verpackung nicht – CO2-Abdruck quasi doppelt reduziert. Funktioniert so natürlich vorn und hinten nicht, wie die Resonanz bei Kund:innen und Händler:innen zeigt. Anstatt Waren in der Verpackung zurückzusenden, die Amazon verwendet hat, muss ein Paketbote oder Paketshop sie nachträglich in eine andere Verpackung sortieren – und wenn es nur eine Plastiktüte ist. Der Umwelt wird damit nicht geholfen, ganz im Gegenteil.

Das zweite Problem ist der Datenschutz. Nur ganz vielleicht finden es nicht alle Menschen gleichermaßen beruhigend, wenn Mitarbeiter:innen in Paketshops (vielleicht auch noch die Menschen, die in der Schlange warten) wissen, was man so an Amazon zurückschickt. Es muss dabei nicht einmal peinlich, zweideutig oder persönlich sein – es geht am Ende schlicht um die Privatsphäre des Menschen.

Zudem sind unverpackte Rücksendungen viel anfälliger für Beschädigungen. Verpackungen mit Füllmaterial sind ja gerade dafür da, zu gewährleisten, dass Produkte unbeschädigt ankommen. Man braucht viel Grundvertrauen, um zu hoffen, dass eine unverpackte Keramiktasse sicher am Zielort ankommt. Apropos Grundvertrauen ...

Die Technik muss mitspielen (glaubt mir)

Zu guter Letzt gibt es auch ein ganz praktisches Problem an dieser an Problemen nicht unbedingt armen Art der Retoure: Egal ob bei DHL, Hermes oder UPS, Sendungen müssen genau zugeordnet werden. Dank Namen, Barcodes, Warenwirtschaftssystemen und was sonst noch so in den logistischen Prozessen im Hintergrund eine Rolle spielt, ist es vergleichsweise leicht möglich, Päckchen genau zuzuordnen und also dafür zu sorgen, dass alles auch da ankommt, wo es hingehört.

Mit der Unverpackt-Retoure hält allerdings der menschliche Makel wieder Einzug in die undurchsichtigen Prozesse der E-Commerce-Welt. Und ja, ich spreche dabei aus Erfahrung:

Es ergab sich im Jahre 2024, als der Autor dieser Zeilen für eine Bekannte eine Smartphone-Hülle bei Amazon bestellte. Nach einigen Tagen sollte die Hülle dann doch wieder zurückgeschickt werden und einfacher hätte es wirklich nicht sein können. Die unverpackte Retoure musste nur in die Packstation gelegt werden. Sowohl Amazon als auch DHL (zumindest ihre vom Autor genutzten Benutzeroberflächen) wussten Bescheid. Gesagt, getan. Einige Wochen später gab es dann Post vom größten deutschen Logistiker. Eine Smartphone-Hülle, die man offenbar zu mir zurückverfolgen konnte, ohne aber zu wissen, wohin man sie schicken solle, lagere seit Wochen in einem DHL-Standort und ich solle doch bitte eine Postadresse angeben, wohin man sie liefern könnte. Ach so, und die Lagerung kostet knapp 60 Euro, bitte.

Um es kurz zu machen: Es dauerte eine Weile, bis das Problem aus der Welt geschafft war. Ziemlich sicher wäre dieses Problem nicht entstanden, wenn die Zieladresse samt Barcode auf dem Päckchen geklebt hätte.

Tldr: Retouren kostenpflichtig zu machen, ist richtig und wichtig. Ausgerechnet die unverpackte Retoure als kostenlose Alternative anzubieten, ist zum jetzigen Stand aber in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv.

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

Veröffentlicht: 01.04.2025
img Letzte Aktualisierung: 01.04.2025
Lesezeit: ca. 3 Min.
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Christoph Pech

Christoph Pech

Christoph schreibt über KI, digitale Innovationen und Payment-Lösungen – immer mit einem Blick auf smarte Technologien.

KOMMENTARE
4 Kommentare
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ralf
02.04.2025

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Als wäre Umweltbewusstsein ein Kriterium von Amazon. Wir kommt man nur auf so einen Unsinn. Es geht nur ums Geld. Wenn man es als Umweltmaßnahme bezeichnen kann, obwohl es tatsächlich keine ist, umso besser. Ich wüßte nicht eine Maßnahme seitens Amazon die tatsächlich aus Kundenfreundlichkeit oder aus Umweltfreundlichkeit getroffen wurde. Egal welche Maßnahme man sich bei Amazon auch anschaut, bei genauerem Hinsehen erkennt man, wo entweder Mehreinahmen oder Kosteneinsparungen enstehen, aber keine Investition in irgendwas. Hier mit der unverpackten Ware geht es darum, den Rückversand zu reduzieren, aber nicht aus Umweltschutzgründen, da Amazon genau um die Nachteile die oben genannten wurden bescheid weiß und sich daher erhofft, dass genau deswegen Kunden weniger zurückschicken oder wenn doch, dann lieber verpackt und das kann sich Amazon dann aber durch eine extra Gebühr vergolden lassen. Rechnen wir mal: Wenn dadurch nur 5 oder 10 % weniger zurückschicken, was das an Mehreinahmen bedeutet. Und wenn dann von den restlichen doch noch 5 bis 10 % lieber verpackt zurückschicken, dann entstehen dadurch ja wieder Einnahmen durch die Gebühr bzw. muss Amazon weniger für die Rücksendung erstatten. Wenn man jetzt noch wüßte wie wiele Rücksendungen Amazon am Tag hat, könnten man sich das ziemlich genau ausrechnen. Kann jeder für sich selbst abschätzen.
dirk
02.04.2025

Antworten

Ich möchte vor allem eines bezweifeln: Selbst wenn man mal davon ausgeht, dass in der Postfiliale tatsächlich mehrere Retouren gesammelt und dann in EINEM Paket an Amazon zurückgeschickt wird, damit weniger Verpackungen verschwendet werden, weniger Paketfahrten anfallen etc, was ja alles positiv für die Umwelt wäre. Und selbst, wenn es Amazon gelänge, alle - sagen wir mal 7 einzelne, unverpackte - Artikel den richtigen Käufen zuzuordnen - wer glaubt denn ernsthaft, dass diese Retouren dann auch tatsächlich wieder in den regulären Verkaufskreislauf gelangen? Also womöglich den richtigen Lagern der Marketplace-Seller zugeführt werden, geprüft und erneut verkaufsbereit gemacht werden? Der Aufwand wäre doch extrem hoch - und man kann wohl getrost davon ausgehen, dass diese Retouren dann gesammelt in die Verwertung oder Entsorgung gehen. Also alles andere als nachhaltig.
Claudius Jehle
01.04.2025

Antworten

Als ich vor 15 Jahren als Seller bei Amazon angefangen habe, war ich begeistert, wie durchdacht, clever und funktional das ganze System war. Irgendwann begannen dann Vorgaben und Lösungen einzuziehen, die weder durchdacht noch funktional waren - und man wurde mit dem ganzen Irrsinn weitgehend allein gelassen und war auf pures Glück angewiesen, nicht unter die Räder zu kommen. Inzwischen ist Amazon nur noch ein (noch) notwendiges Übel - es scheint denen einfach das Gespür für gute Lösungen abhanden gekommen zu sein.
Mathias Wegener
01.04.2025
Ich kann dieser Beschreibung nur voll zustimmen, wenn auch zusätzlich von der anderen Seite her, aus Kundensicht. Amazon ist hier für die Kunden nur deshalb so schnell so groß geworden, weil man sich von Anfang an extrem auf den Kundenservice konzentriert hat. Ja, das geschah und geschieht auch heute zum Teil noch hin und wieder zum Nachteil der Verkäufer. Aber gerade in der Anfangszeit von Amazon gab es keine Verkäufer. Da gab es nur Produkte, die selbst von Amazon vertrieben wurden. Und den Ruf bei den Kunden, extrem kundenfreundlich zu sein, hatte Amazon dann relativ schnell weg. Und davon zehrt man bis heute. Die Realität sieht heute aber schon lange anders aus. Eben und gerade auch aus Kundensicht. Statt schnell eine Lösung für ein Problem zu finden, kämpfen sich die Kunden durch Chat Roboter, bis sie in vielen Fällen nur exakt wieder dort ankommen, wo sie angefangen haben. Noch einfacher lässt sich für ein Unternehmen wohl kein beim Kunden Frust erzeugen. Und wenn man sich einmal anschaut, wie das sogenannte Forum (Hand aufs Herz: wer wusste bereits, dass so etwas existiert?) von Amazon aufgebaut ist, was Kunden insbesondere bei elektronischen Waren und Dienstleistungen helfen soll, dann kann man als Beobachter eigentlich nur feststellen, dass dies nur aus einem Grund geschaffen wurde: möglichst schnell Kunden wieder loszuwerden beim Kundenservice. Dieses sogenannte Forum bei Amazon ist tatsächlich ein Bilderbuch Beispiel für ein Unternehmen, was nach außen hin kommuniziert, dass es von seinen Kunden doch bitte in Ruhe gelassen werden möchte. Nur ihr Geld möchte man haben. Wohl alle Unternehmen gehen letztlich diesen Weg, je älter und größer sie werden, desto weniger wissen sie ihre Kunden (dazu gehören im übertragenen Sinne natürlich auch Händler auf der Plattform) zu schätzen. Das endet logischerweise nicht gut. Das wird sicherlich auch Amazon noch lernen.